Dank des steigenden Dollarkurses sinken die Schulden der Ostblockstaaten

Von Ulrich B. Marker

Im Vergleich zu Mexiko und den südamerikanischen Schuldnerländern müßten die Comecon-Staaten geradezu unter „Kreditnehmer erster Adresse“ eingeordnet werden, meinte kürzlich ein Frankfurter Bankier. Das gelte mit gewissen Einschränkungen, die hauptsächlich Polen beträfen, sowohl für die Schuldensumme als auch für den Zinsendienst und die Tilgungsmoral.

Tatsächlich scheinen sich die noch vor wenigen Jahren weitverbreiteten Befürchtungen, der Schuldenberg des Comecon im Westen könnte in bedenkliche Höhen wachsen, als unbegründet zu erweisen. In den letzten zwei Jahren ist die Nettoverschuldung der osteuropäischen Planwirtschaftsländer – also die Summe aller Kredite abzüglich ihrer Hartwährungsguthaben im Westen – insgesamt nicht nur nicht mehr weiter gewachsen, sondern wurde merklich abgebaut. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß diese Tendenz auch in den nächsten Jahren anhalten dürfte.

Daß die Schuldensumme des Comecon im Westen von ihrem Höchststand von 74,7 Milliarden Dollar im Jahre 1981 bis auf 63,3 Milliarden im Vorjahr zurückgegangen ist und 1984 voraussichtlich unter sechzig Milliarden Dollar fallen wird, hat im wesentlichen drei Gründe:

  • Die hohen jährlichen Zuwachsraten der Nettoverschuldung aller Comecon-Länder mit Ausnahme der Sowjetunion, veranlaßten die westlichen Banken ab 1980 zu einer restriktiveren Kreditpolitik. Als dann Polen 1981 seine Zahlungsunfähigkeit erklären mußte, wurden den osteuropäischen Ländern kaum noch neue Kredite gewährt.
  • Andererseits kamen aber auch im Comecon Bedenken gegen das wachsende Ausmaß der Verschuldung im Westen auf. Weil ein Abbau durch ausreichende Steigerung devisenbringender Exporte angesichts der Weltwirtschaftsflaute unmöglich war, entschieden sich alle Comecon-Länder für eine Drosselung der Importe aus dem Westen. Dadurch wurden Devisen eingespart und Überschüsse in den Handels- und Leistungsbilanzen erzielt. Die Kehrseite war verlangsamtes Wirtschaftswachstum und sinkender Lebensstandard.
  • Zusätzlich bewirkte der Höhenflug des Dollar eine „optische Verschönerung“ der Schuldenbilanz. Da ein wesentlicher Teil der Kredite von den Comecon-Ländern in westeuropäischen Währungen aufgenommen wurde, die Statistik aber in Dollar geführt wird, schlug sich der Aufwertungseffekt der amerikanischen Währung in einer Verringerung der Dollarbeträge nieder. Dieser statistische Effekt summierte sich in den vergangenen zwei Jahren auf 3,1 und 3,4 Milliarden Dollar. Er war damit größer als der echte Schuldenabbau durch Überschüsse, der insgesamt nur knapp fünf Milliarden Dollar ausmachte.

Die Hintergründe der Comecon-Verschuldung im Westen und deren mögliche Auswirkungen hat das auf Ostwirtschaftsfragen spezialisierte Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche in seinem neuesten Forschungsbericht untersucht. Danach war das sprunghafte Ansteigen der Schulden von nur 5,7 Milliarden 1971 über 10,4 Milliarden 1973 auf 29,1 Milliarden Dollar 1975 durch die starke Expansion des Ost-West-Handels bedingt. Dabei konnten die zunehmenden Exportüberschüsse der westlichen Länder problemlos mit Krediten finanziert werden. Der Westen gewährte großzügig Kredite, um den Ostexport als Konjunkturstütze zu stärken. Der Osten nahm ebenso großzügig Kredite auf, um durch Importe seine Produktion zu modernisieren, den Lebensstandard zu verbessern und das Wirtschaftswachstum zu forcieren.