Von Dieter E. Zimmer

Sie kommt direkt aus ihrem Exil, aus Venezuela, und sie sagt, sie hätte noch nie soviel Angst ausgestanden wie am Vortag in New York, wo ein Vogelschwarm in die Triebwerke geriet. Am Abend soll sie zwischen den Sauriern des Frankfurter Senckenberg-Museums „lesen“, denn dies ist eine „Lesereise“ durch Deutschland und einige andere Länder Europas, und sie weiß noch gar nicht, wie sie sich das vorzustellen hat – die Institution der „Dichterlesung“ ist in der spanischsprachigen Welt unbekannt.

Was auch immer sich dahinter verbergen mag, sie findet, es nehme sich vielversprechend aus: Sie wird Menschen dabei kennenlernen, und das ist ihre Leidenschaft. „Für Länder und Landschaften habe ich gar keinen Blick“, sagt sie, „aber Menschen finde ich unsagbar interessant.“

Isabel Allende, die 42jährige Verfasserin des Romans „Das Geisterhaus“, dieser chilenischen Familiensaga, die auch bei uns ohne große Promotion und ohne viel Nachhilfe seitens der Kritik ein Bestseller wurde, ist eine kleine und zierliche Person mit staunenden Augen, aber „scheu“ oder „zerbrechlich“ ist sie ganz und gar nicht, wie mir schon klar wird, als wir uns im Gewühl der Buchmesse auf die Suche nach einer Nische machen, wo wir uns halbwegs in Ruhe unterhalten könnten.

Ich sage, ich wisse nichts von ihr. Sie ist ganz anderer Ansicht. „Wenn Sie mein Buch gelesen haben, dann wissen Sie doch alles über mich. Mein Kontinent, mein Land, meine Familie, meine Überzeugungen, meine Gefühle – alles ist drin.“

Vielleicht, aber ziemlich indirekt, verteilt über viele Gestalten, vier Generationen, 75 Jahre Makro- und Mikrogeschichte – oder sei sie etwa eine der Figuren ihres Romans? „Alba, die junge Dame, die das Buch schreibt, hat eine Kindheit, die meiner ähnlich ist. Doch ich bin keine meiner Figuren. Ich finde mich wirklich nicht interessant genug, um in einem Buch vorzukommen. Aber ich erfinde meine Figuren auch nicht. Die Menschen sind so faszinierend, daß es viel besser ist, sie aus der Wirklichkeit zu nehmen, als sie zu erfinden. Natürlich habe ich ihren Charakter übersteigert oder ihre Biographie verändert oder aus mehreren Menschen eine Figur gemacht oder von dem einen die Biographie und von dem andern den Charakter genommen.“

Stand auch ihre Familie Modell?