Von Winfried Scharlau

An Mut und Idealismus möchten sich die Neuseeländer von niemandem übertreffen lassen. Mit der Bibel im Gepäck haben die Vorfahren die lange Seereise aus Großbritannien auf die fernen Inseln am anderen Ende der Welt angetreten; und mit dem Blick zum Himmel haben sie ihr Gewissen geprüft, ob sie denn ihre Pflichten gegenüber Gott und den Menschen erfüllt hätten. In der Weite des Geländes auf den noch immer dünn besiedelten, wirklich einsamen Nord- und Südinseln, die Neuseeland im wesentlichen ausmachen, haben sie dennoch den Blick bewahrt für weltpolitische Verstrickungen und Konflikte, die sie besonders lebhaft mitempfanden, wenn Britannien davon betroffen war.

Bei einem Journalistentreff im britisch-konventionellen, gediegenen Clubrestaurant „Orsini“, wenn globale Tendenzen mit Witz und Sachverstand diskutiert werden, gewinnt der Beobachter aus Europa den Eindruck, daß Neuseeland auch heute noch den Pulsschlag der Weltpolitik registriert und weit davon entfernt ist, sich in die Isolation zu flüchten, zu der die Geographie verführen könnte. Zugleich aber wird offenkundig, daß die jüngere Generation, jene unter 40 Jahren, sich von den Überzeugungen der Älteren lossagt und ganz ähnlich wie die Nachgeborenen in Europa, neue Lösungen und Wege sucht, die auf den ersten Blick utopisch erscheinen mögen, aber Stück für Stück die vermeintliche Realpolitik verändern werden.

Mit dem 42 Jahre alten David Lange ist ein Labourpolitiker der jüngeren Generation an die Macht gekommen, der sich den Zwängen der Strategie nicht beugen will. Lange möchte nicht nur Neuseeland „atomfrei“ halten, und der amerikanischen Flotte versagen, mit Nuklearwaffen an Bord neuseeländische Häfen anzulaufen; er möchte auch den gesamten pazifischen Raum entnuklearisieren, gemeinsam mit den Inselstaaten die Supermächte zwingen, auf die Einführung, Lagerung und auf das Testen von atomaren Waffen zu verzichten.

Für die ältere Generation der Civil Servants und für das Establishment sind das gefährliche Illusionen. Wohl geben die klügeren Köpfe der Ministerialen zu, daß Neuseeland sich aus dem Schlepptau Großbritanniens lösen und von der Illusion Abschied nehmen muß, daß Neuseeland „irgendwo südlich des Ärmelkanals“ verankert sei, wie ein politischer Wissenschaftler den Standort ironisch definiert hat.

Das Land muß eine neue, den Zeitläuften gemäße Rolle finden, darüber sind sich beinah alle einig. Ob zum guten Bestand, der bewahrt werden soll, der ANZUS, der Sicherheitspakt mit Australien und den Vereinigten Staaten von Amerika gehört, war indessen schon wieder heftig umstritten. Die Konservativen argumentieren, daß Neuseelands kleine, 12 000 Mann starke Armee auf gemeinsame Manöver mit militärischen Großmächten angewiesen sei, wenn die Streitmacht überhaupt einen Sinn erfüllen soll. Die kritischen Köpfe der Labour Party sind dagegen bestrebt, deutliche Distanz zu Amerika zu gewinnen und sich den kleinen Inselstaaten des Pazifiks als Partner anzubieten. Neuseeland, so glauben sie, sei ihnen ein weniger bedrohlich und furchterregender Partner als heute die Vereinigten Staaten, die sich auch hier als Hegemonialmacht in Szene setzen.

David Lange hat erklärt, daß das Land in dem Verteidigungspakt bleiben werde, aber die von ihm verfügte Aussperrung aller atombetriebenen oder Atomwaffen tragenden Schiffe sei weiterhin „nicht verhandlungsfähig“.