Das neu gegründete "Collège international de Philosophie" in Paris

Von Walter van Rossum

Am linken Ufer der Seine, der Pariser "rive gauche", gibt es einige Metrostationen, die sozusagen die Eckpfeiler eines (im Vergleich zu seinem Ruhm) winzigen Gebietes abgeben. Die Metrostationen "St. Michel", "St.-Germain-des-Pres", "Luxembourg" und "Maubert-Mutualite" stecken eine Fläche von kaum einigen Quadratkilometern ab, die man die Bannmeile der französischen Intelligenz nennen könnte. Wie viele Schriftsteller und Maler, Philosophen und Fachgelehrte haben hier gelebt oder gearbeitet.

Hier stehen auch, oftmals seit Jahrhunderten, die wichtigsten französischen Bildungsinstitutionen. An erster Stelle die Sorbonne, immer noch das Mekka jedes französischen Universitätsgelehrten. In Konkurrenz dazu verteilen sich auf dem Terrain einige der ebenso berühmten Grandes Ecoles" – die Elitehochschulen verschiedener Fachrichtungen. Dazwischen thront das "College de France", das seit über 400 Jahren die Spitzen der französischen Wissenschaften beherbergt. Nicht zufällig finden sich hier auch die beiden Gymnasien "Louis le Grand" und "Henri IV". Hier das Abitur zu machen, bedeutet schon, eine Art Option auf die Karriere in Händen zu halten.

Im Gewimmel der engen Straßen dieses Viertels hat sich jetzt eine neue, vorerst noch kleine Fabrik aufgetan: das "Collège international de Philosophie". Im Gebäude der ebenfalls traditionsreichen "Ecole polytechnique" in der rue Descartes, zu Füßen des Pantheon, wo etliche "Große" der französischen Geschichte zu schauerlich säkularisierten Heiligen übertrieben werden, schickt sich eine kleine, aber energische Truppe um den Philosophen Jacques Derrida an, die Lücken und Nischen im vielfältigen Pariser Angebot zu besetzen und zugleich – fast subversiv – das ganze Gefüge der Intellektuellen zu erschüttern: eine hochkarätig besetzte Experimentierwerkstatt.

Bei dem "Collège international de Philosophie", dem Internationalen Kolleg für Philosophie, handelt es sich um eine Neugründung, die mit der Kulturpolitik der sozialistischen Regierung verflochten ist. Noch bevor François Mitterrand am 10. Mai 1981 das Amt des Präsidenten der Republik angetreten hatte, gehörte eine gewandelte und vor allem intensivierte Bildungspolitik zum Kernprogramm der Sozialisten. Die Erhöhung des Kulturbudgets war nur ein erster, aber wichtiger Schritt, der eine gewaltige Steigerung der kulturellen Aktivitäten zur Folge hatte.

Das "Collège international" erregte sofort große Aufmerksamkeit. Im Mai 1982 beauftragte der damalige Minister für Forschung und Entwicklung vier bedeutende Philosophen mit der Ausarbeitung eines Konzepts: François Chatelet, Dominique Lecourt, Jean-Pierre Faye, Jacques Derrida. Im Oktober 1983 war die Planungsphase abgeschlossen, die Gründungsverträge wurden unterzeichnet. Im Januar 1984 wurden die ersten Seminare eröffnet. Das "College" steht jetzt in seiner auf 18 Monate geplanten Erprobungsphase (und trägt deshalb den Namen "Collège provisoire"). Gewiß ist schon jetzt: das "College" ist völlig unabhängig. Dafür bürgen die Statuten und nicht zuletzt Pluralität und Rang der Mitarbeiter.