Von Eduard A. Wiecha

Eine knappe Autostunde östlich von Algier weitet sich der Küstenstreifen. Die spärlichen Zypressenreihen haben Pinienhainen Platz gemacht. Kakteen und Feigenbäume säumen den Weg. Das Auge schweift über eine wellige Hochfläche – Tomatenplantagen, Weinhänge, gerade abgeerntete Weizenfelder. Vereinzelt suchen Schafe, von kleinen Jungen am Strick geführt, nach Eßbarem. Dann taucht eine Ortschaft auf. Mächtig erheben sich die Türme der nagelneuen Moschee über die Häuser, auf dem kargen Markt am Fischerhafen erledigen Männer die Einkäufe wie überall im Land. Die langgezogene Bucht ist von Felsen gesäumt, ein massiger Bergklotz schließt sie ab. Wir sind am Ziel, in Tipasa.

Das größte antike Ruinenfeld der algerischen Küste kündet von großen Zeiten und Kulturen. Der Name ist phönizischen Ursprungs, Karthagos Seefahrer legten hier bereits im 5. Jahrhundert vor Christus an. Das bezeugen punische Gräberfelder, mit deren Freilegung erst vor 20 Jahren begonnen wurde: in den Felsboden eingelassene Kammern, bedeckt von schweren gerundeten Steinplatten, die Grabstelen mit archaischer Ornamentik versehen, Pflanzenmuster und Menschengestalten, in Stein geritzt. Der „Friedhof“, dessen wirkliche Dimension bislang nur zu erahnen ist, schließt sich außen an die Reste der römischen Stadtbefestigung an, hinter deren Ruinen entstand die heutige, Mitte des 19. Jahrhunderts gegründete Siedlung.

Auf den Bauten der Römer gründet Tipasas Ruhm. Zwei Felsvorsprünge beiderseits des Hafens beherbergen die Anlage mit Forum, Arena, Theater, Tempeln, Pflasterstraßen, Wohnhäusern, Brunnen, Mausoleen und Nekropolen. Beide Hügel werden überragt von einer christlichen Basilika aus spätrömischer Zeit. Die wertvollen Skulpturen, Mosaiken und Grabbeigaben hat man in die Museen des Landes getragen, die Ruinen gar als Rohstoff für Bauten ausgeschlachtet.

Seine besondere Ausstrahlung erwächst dem Ort aus der Symbiose zwischen den Zeugen alter Kultur und einer intakten mittelmeerischen Landschaft. Das Rotbraun von Boden und Fels setzt sich fort im spröden Naturstein der Säulen, Treppen, Wände. Disteln und trockenes Gras säumen die Pflasterquader der Wege und fügen sich mit den Stämmen und Blättern uralter Olivenbäume zum Mosaik in gleißendem Grau, denn die Sonne ist überall. Sie bleicht das wuchernde Grün der Pinien und der Hartlaubsträucher, durchdringt selbst den Schatten der Eukalyptuskronen, scheint nachzuklingen im Duft der gedörrten Kräuter, im Kreischen der Zikaden, im Rauschen der Wellen.

Morgens, noch von keinem Besucherstrom gestört, mag am ehesten jene Hingabe gelingen, die Albert Camus einst beschrieb: „Ganz in die wilden Düfte und das Konzert schläfriger Insekten eingegraben, öffne ich Augen und Herz nach der schier unerträglichen Größe dieses mit Hitze vollgepfropften Himmels. Es ist nicht so leicht, zu werden, was man ist, seinen tieferen Maßstab zu finden. Doch mein Herz wurde ruhig und seltsam gewiß. Ich lernte zu atmen, fügte mich ein, ward ganz erfüllt.“ Camus, im nahen Algier aufgewachsen, machte hier die literarisch entscheidenden Erfahrungen seiner Jugend. Ein halbes Jahrhundert ist es her, daß er sie in seiner poetischen Prosaskizze „Hochzeit in Tipasa“ beschrieben hat: „Die große Ausschweifung von Natur und Meer“ in einem „Königreich der Ruinen“ führt den Menschen zur sinnlichen „Vermählung“ mit der Welt.

Nach jahrzehntelanger Abwesenheit, angesichts des gerade beendeten Zweiten Weltkrieges und kommende politische Erschütterungen ahnend, begab sich Camus am Ort seines Jugendtraums auf die Suche nach dem, was blieb. Er fand bestätigt, was längst zum Credo seines Werkes gereift war: „Ich hatte immer gewußt, daß die Ruinen von Tipasa jünger waren als unsere Baustellen und unsere Trümmer. Die Welt begann dort alle Tage neu, in stetig erneuertem Licht.“