Nicolae Ceausescu präsentiert sich im Westen gern als sozialistischer Eigenbrötler, der nicht nach der Pfeife Moskaus tanzt. Und in der Freude über den eigenwilligen Kurs des rumänischen Staats- und Parteichefs versäumte es die westliche Politik lange, allzu genau hinter die Potemkinsche Fassade der rumänischen Unabhängigkeit zu blicken. Erst mit dem Zusammenbruch der Wirtschaft in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre wurde das Ceausescu-Attribut „unabhängig“ allmählich in Anführungszeichen gesetzt. Trotzdem gilt der Staatschef noch immer als Begründer des „rumänischen Weges“ der politischen und wirtschaftlichen Eigenständigkeit.

Doch in Wirklichkeit wurde dieser Weg schon lange vor seiner Amtszeit eingeschlagen. Als der um die Einheit des Ostblocks besorgte Nikita Chruschtschow 1961 den Comecon-Führern in Moskau die Schaffung supranationaler Wirtschafts-Institutionen ankündigte, legte sich schon damals der rumänische KP-Führer Gheorghiu-Dej quer. Die rumänische Wirtschaft war bis dahin treu nach dem sowjetischen Planmodell aufgebaut worden, doch in Moskau witterten die Rumänen plötzlich hinter den neuen Comecon-Plänen eine Verschwörung der hochindustrialisierten Blockstaaten ČSSR, DDR und UdSSR gegen die rückständigen Balkanstaaten.

Das Sozialprodukt in Rumänien lag damals pro Kopf um zwei Drittel niedriger als in der DDR. Chruschtschow hatte die Vision, daß sich die tschechischen und deutschen Arbeiter auf die Industrie konzentrieren und die Rumänen und Bulgaren Agrarproduke liefern sollten. Die armen Rumänen aber wollten sich nicht auf die im marxistischen Sinne „niedere Tätigkeit“ des Landbaus beschränken. Wie üblich wurde der Streit über die Bukarester und Moskauer Parteiblätter ausgetragen.

Als Nicolae Ceausescu im Juli 1965 die Nachfolge des verstorbenen Gheorghiu-Dej antrat, rollte die rumänische Außenpolitik längst auf eigenen Geleisen. Sein Wirtschaftsprogramm war denn auch ganz auf Autarkie abgestellt. Die Sowjetunion ließ die Rumänen gewähren, denn sie konnte leicht auf deren Rohstoffe verzichten und brauchte sich auch keine strategischen Sorgen zu machen. Rumänien hat keine gemeinsame Grenze mit einem Nato-Staat und orientiert sich innenpolitisch seit jeher an den bewährten stalinistischen Prinzipien der Zucht und Ordnung.

Für die Rumänen sollten Dollar-Kredite und der Warentausch mit Entwicklungsländern und westlichen Industriestaaten helfen, den alten Traum von imperialer Größe zu verwirklichen. Kein Wunder, daß Rumänien zu Beginn der siebziger Jahre mit seinen industriellen Großprojekten als wahres Bonanza für westliche Firmen galt. Scharenweise zogen deutsche und französische Firmenvertreter in das Bukarester Außenhandelsministerium, um dort den Bürokraten mit Geschenken zu huldigen, die den Zuschlag für die Projekte beschleunigen sollten.

Die Aussichten schienen rosig. Rumänien war während der ersten Ölkrise 1974 noch Netto-Exporteur von Erdöl und Raffinerieprodukten. Das durchschnittliche Industriewachstum betrug zwölf Prozent im Jahr und der West-Handel galt als bedeutender Wachstumsfaktor. Selbst die alten Balkankrankheiten Nepotismus, Korruption; und Mißwirtschaft konnten den Aufschwung nicht bremsen. Die Produkte mit der Aufschrift „Made in Romania“ waren durchaus konkurrenzfähig, auch wenn es manchmal Mißgeschicke gab: So bekam ein Londoner Händler zum Beispiel von einem Bukarester Produzenten statt seiner bestellten rumänischen Kabel deutsche Ware geliefert, die der gerissene Ost-Manager bei einem Zwischenstopp in der Bundesrepublik gekauft hatte.

Später allerdings sank das Vertrauen der westlichen Händler in die Qualität rumänischer Industrieprodukte. Der Export litt. Auch die rumänische Erdölförderung nahm zwischen 1977 und 1980 um zwanzig Prozent ab, während der rumänische Ölbedarf um mehr als die Hälfte stieg. Ceausescu konnte sich zwar zunächst noch mit Importen aus dem Iran und dem Irak behelfen. Als die Iraker jedoch iranische und die Iraner irakische Quellen beschossen, mußten sich die Rumänen auf andere Partner stützen – einen Augenblick, auf den die Sowjets schon jahrelang geduldig gewartet hatten: Gegen harte Devisen waren die Kreml-Herren bereit, die Erdölnot zu überbrücken. Die Rumänen mußten weiter Schulden machen, die sich inzwischen auf neun bis zehn Milliarden Dollar belaufen. Die genauen Zahlen verlieren sich im Dickicht Bukarester Statistiken, denen ohnehin nur noch das Parteiblatt Scintea Glauben schenkt.