Von Keyvan Dahesch

Als der kriegsblinde Jurist Erwin Brocke nach langjähriger Tätigkeit als Richter und Senatsvorsitzender beim Bundesozialgericht in Kassel im August 1980 zum Vizepräsidenten dieses Gerichts berufen wurde, war er plötzlich in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. Viele wollten von ihm wissen, wie jemand, der nicht sieht, die Aufgaben des zweiten Mannes an der Spitze eines der fünf obersten Gerichte in der Bundesrepublik bewältigen kann. Auf die Frage eines Rundfunkreporters, ob er als Blinder objektiv urteilen könne, sagte Brocke spontan: "Sie wissen doch, die Richter müssen in ihrem Diensteid schwören, ohne Ansehen der Person zu urteilen." Diese Antwort brachte ihm viel Sympathie, bereicherte, aber zugleich die Fülle der Vorurteile gegenüber den Blinden um die Annahme, Nichtsehende seien allgemein besonders schlagfertig.

Vorurteile sind eine der Hürden, die Blinde immer wieder nehmen müssen. Wer trotz der schweren Beeinträchtigung eine herausragende berufliche oder gesellschaftliche Position erobert, wird – wie der von Jugend an blinde Richter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe, Hans-Eugen Schulze – von der Boulevardpresse zum "Wunder" stilisiert. Bewunderung, Mitleid, ängstliches Übergehen, Verständnis oder hilflose Ablehnung sind im Umgang mit Blinden häufig anzutreffende Haltungen. Auch der Verfasser dieser Zeilen hat derlei Gefühle zur Genüge erlebt.

1941 im Iran blind zur Welt gekommen, verbrachte ich die ersten sechzehn Jahre meines Lebens mehr oder weniger in der Isolation des Familienkreises. Die Normalschule besuchte ich als Hörer. Im Vertrauen auf das weltweit gerühmte Ansehen der deutschen Ärzte brachte mich mein Vater 1958 in die Bundesrepublik, um etwas für meine Augen zu tun. Doch diese Hoffnung erwies sich als nicht erfüllbar. Trotzdem blieb ich im Land, besuchte eine Blindenschule und ließ mich danach, um nicht in das frühere hilflose Dasein in das unterentwickelte Land zurückkehren zu müssen, zum Masseur und medizinischen Bademeister ausbilden. Eine Tätigkeit, die Blinde fast unabhängig von fremder Hilfe ausüben können. Ich wurde Deutscher.

Was aus mir geworden wäre, wenn ich in meiner unterentwickelten Heimat nicht als Kind gebildeten Eltern, die mir eine Ausbildung in Europa ermöglichten, geboren worden wäre, vermag ich mir nicht auszumalen. Vermutlich vegetierte ich wie fast alle der 15 Millionen Blinden außerhalb Europas und der USA einfach dahin.

Später konnte ich durch ein Stipendium des Deutschen Gewerkschaftsbundes an der Akademie der Arbeit in Frankfurt ein Kurzstudium absolvieren und mich beim Land Hessen für die Beamtenlaufbahn des gehobenen Dienstes ausbilden lassen. Heute arbeite ich als Pressesprecher bei einer Landesbehörde in Frankfurt am Main.

Mein Glück war es, daß vor mir Nichtsehende an der Akademie der Arbeit und beim Land Hessen sehr gute Leistungen gezeigt hatten. Bei meinen Bemühungen um ein Studium und eine Chance zum Einstieg in einen qualifizierten Beruf wäre ich nicht so erfolgreich gewesen, wenn meine blinden Vorgänger versagt hätten. Denn allem Anschein nach werden oft enttäuschende wie angenehme Erfahrungen mit einzelnen Behinderten verallgemeinert. Und damit entstehen für die betroffenen Gruppen viele Probleme.