Margaret Thatcher nach der Bombe von Brighton: erschüttert, aber unnachgiebig

Von Karl-Heinz Wocker

London, im Oktober

England wähnt sich im Rausch der Revolution. Immer noch erklären die meisten Wähler, Frau Thatcher auf dem Weg zu ganz neuen Ufern folgen zu wollen. Zwar sacken rechts und links die Opfer im Strom weg, aber die Mehrheit hält Kurs, trotz einer Wirtschaftslage, in der es wenigen besser und den meisten schlechter geht. Das Phänomen Thatcher bestimmt unvermindert die britische Politik, nach fünfeinhalb Jahren und ohne zwingende Hinweise auf ein baldiges Ende, nach der Bombe in Brighton erst recht. Wie ist das zu erklären?

Wenn sie doch nur, stöhnen die Gegner, ehrlich wäre und sagte, daß sie Politik für eine ganz bestimmte Schicht mache und damit gegen alle anderen. Gewiß, die Vorstellung, nur die Labour-Regierungen betrieben Klassenkampf, während die Konservativen stets das Wohl aller im Auge hätten, ist natürlich naiv. Unter den Premiers Wilson und Callaghan wurden die Gewerkschaften in ihren Positionen erheblich bestärkt, die Unternehmer eingeengt und die Höchstverdienenden mit absurden Steuersätzen (bis zu 83 Prozent) belastet. Auch das war „recht“, weil Gesetz, aber natürlich ein Klassenrecht.

Genau das sind auch die Gewerkschaftsgesetze der Thatcher-Regierung. Wenn den Trade Unions vorgeschrieben wird, wie sie intern zu funktionieren haben (Wahl des Vorstands durch alle Mitglieder, Urabstimmung vor Streiks), gleichzeitig aber die Vorstände der großen Unternehmen oder die Entscheidungen der Finanzhäuser nicht solchen Kontrollprozessen unterworfen werden, so ist das Klassenpolitik und nichts sonst. Sie wird in der nächsten nichtkonservativen Regierungsphase zu Rückschlägen in die andere Richtung fuhren. Am Linksrutsch der Labour Party ist diese Entwicklung bereits deutlich abzulesen.

Teile der Linken genieren sich zwar heute, den offenen Klassenkampf zu propagieren, aber die Rechte geniert sich nicht. Nur betitelt sie ihre Politik anders: Sie spricht von der „Sanierung der Staatsfinanzen“, der „Freisetzung der Talente“ und anderen, sehr positiv klingenden Vorsätzen. Die sind so geheuchelt wie die linken Parolen von der „gleichen Chance für alle“ und der „Gerechtigkeit am Arbeitsplatz“.