Alle reden von der Lehrerarbeitslosigkeit. Wie viele sind „alle“? Und wovon wird da geredet? Wen erregt es, daß dreiviertel oder fünfsechstel der ausgebildeten Lehrer, nach gut 20 Jahren hochspezialisiert und geprüft, nicht gebraucht werden, auf Jahre nicht, vielleicht nie? Daß sie, die weitgehend auf Kosten der Allgemeinheit studiert haben, als Referendare Beamte auf Widerruf waren, nun keine Arbeitslosenunterstützung bekommen? Wovon leben sie? Sie selbst erscheinen bisher weder empört noch verzweifelt.

Mich machen ihre Bewerbungen betroffen. Ich leite ein kleines, privates Heimgymnasium am Alpenrand. Sie kommen – ungebeten – täglich, buchstäblich mit jeder Postzustellung, seit Monaten, zwischen zwei und acht pro Tag. Noch haben wir den Ehrgeiz zu antworten, wichtige Unterlagen zurückzuschicken. Einige Bewerber versichern freilich: „Die beigefügten Unterlagen überlasse ich Ihnen gern auch für einen längeren Zeitraum, so daß Sie bei Bedarf auf meine Bewerbung zurückgreifen können.“ Wann könnten wir voraussichtlich? Geschichte, Russisch, macht Zusatzausbildung in evangelischer Religion, nimmt auch Teilstelle, spricht Polnisch und Serbokroatisch: Wenn wir Bewerbungen (wie früher, noch vor anderthalb Jahren, wo wir vieles kopierten) sammelten, ergäbe das im Nu eine neue Riesenablage; Material für die gleich seltenen Fälle: daß Mitarbeiter kündigen oder die Schule Schloß Neubeuern sich vergrößert.

Wir sind eines der 17 Deutschen Landerziehungsheime, zu deren Merkmalen „die Einheit von Erziehung und Unterricht“ gehört. Das heißt, daß die Betreuer Gymnasiallehrer sind, denen wir fast die Hälfte an Unterricht erlassen, dafür, daß sie mit einer Schülergruppe zusammen wohnen. Das ist ein schönes, aber strapaziöses Amt. Bis vor wenigen Jahren war es ganz schwierig, solche Lehrer-Erzieher zu bekommen (wir bieten ja auch keinen Beamtenstatus). Von zehn Bewerbern nahm oft nicht einer an; man wollte Versprechungen, daß man nach einem Jahr oder doch zweien „extern“ werde. Die Versuchung, jene „Einheit“ zur heiligen Kuh zu erklären, die endlich zu schlachten sei, war groß. (Aber ich kenne die Schulfarm Insel Scharfenberg in Berlin und die Laborschule an der Universität Bielefeld und ihre Probleme mit den – schlechter bezahlten – Sozialpädagogen, die – zum Ausgleich – leichter an die Zuneigung der Kinder kommen.) Die Erfahrung zeigt, daß die Personalunion beides verändert, Unterricht und Erziehung, und daß die Nutznießer die Jugendlichen sind.

Jetzt versichern viele der Bewerber – nämlich die jungen Lehrer, die wissen, bei wem sie sich bewerben (Adresse, Titel... stimmen, es gibt sinnreiche Anspielungen auf die Pädagogik der Landerziehungsheime und unsere besonders schöne Lage), daß sie genau dieses anstreben: Lehrer zu sein und den Rest des Tages und der Nacht Schüler zu betreuen. Manche bieten an, zunächst nur als Erzieher zu arbeiten und bei Bedarf Privatstunden zu geben. Ein Ehepaar erklärt, daß gern beide voll in Schule und Heim arbeiten würden, aber dafür nur eine Stelle beanspruchten. Wenn die GEW wüßte ... Vermutlich wissen auch die Stellensucher nicht, was sie da versprechen, um in die engere Wahl zu kommen – wenn es Stellen zu besetzen gäbe! (Über die Kehrseite, die Auswirkung der Lehrerschwemme auf Schüler und Schule, wird offenkundig bisher noch weniger geredet: nämlich über die Erstarrung des Lehr-Körpers. Wer wird je eine Stelle wieder aufgeben, „nur“ weil er sie nicht gut findet oder nicht gut ausfüllt?)

Ich habe mit dem bescheidenen Ehepaar nicht geredet, und sie haben auf unsere Absage nicht geantwortet. Eben dies tat ein Dr. rer. nat. habil; er bewirbt sich, nach acht Jahren Lehre an der Hochschule, aber ohne Schulexamina, samt Frau, einer Ärztin; er kennt Landerziehungsheime aus der Familie, bietet das Märchenhafte an Fächern und im musischen Bereich an. Da ich wußte, wo

ein Heimleiterpaar gesucht wird, riet ich zur Bewerbung dort. Hier ist der Anfang seiner Antwort: „Danke für Ihr Schreiben und auch Ihre Anteilnahme an meiner Situation, aber Erschütterung ist hier unangebracht. Erstens sah ich das alles schon vor Jahren kommen, zweitens sind meine Frau und ich im Gegensatz zu anderen, die in diesem Alter schon Häuschen und Gärtchen haben, vollkommen mobil und können sofort nach Simbabwe auswandern, falls es uns so beliebt. Und im Gegensatz zu den Absolventen anderer Fächer, die dort nichts Sinnvolles tun könnten, können wir etwas anbieten, was in vielen Teilen der Welt noch gebraucht wird. Wir beide schaffen es!“ Simbabwe als Ausweg, Export der überschüssigen Lehrer mit den „richtigen“ Fächern in die Dritte Welt?

Fast gleichzeitig bewarb sich ein anderer Hochschullehrer, mit einem einzigen engbeschriebenen Blatt. Ich zitiere (mit Satzzeichen und Abkürzungen): „Betr.: Anfrage wegen Bewerbungsbedarf für Philosophie und Deutsch, Lehramt a. Gymnasien: Jg. 1950 männl., parteil., ev.; 1. Ex.: Note 1 (1975), 2. Ex.: Note 1 (1984).“ Auf diese erstaunlichen zweieinhalb Zeilen folgen übrigens sehr schöne, tiefsinnige, verlockende Sätze über Lehren und Lernen, und was ihr Autor hier versuchen will.