Von Michael Jungblut

Die alte Dame, für die er verantwortlich ist, wird im nächsten Jahr 150 Jahre alt Doch sie will nicht nur dieses Jubiläum gebührend feiern, sondern hat noch große Pläne, die weit in das nächste Jahrzehnt hineinreichen. Das ist nicht weniger überraschend als ihre bisherige Lebensgeschicnte. Denn nachdem sie in ihren ersten Lebensjahrzehnten recht kleinwüchsig geblieben war, lag ihre eigentliche Wachstumsphase in den siebziger Jahren. In dieser Zeit hat sie sich fast verachtfacht. Diejenige, von der hier die Rede ist, ist die Bertelsmann AG in Gütersloh und derjenige, der heute für das bald eineinhalb Jahrhunderte alte Unternehmen verantwortlich zeichnet, ist Mark Wössner, seit April 1983 Vorstandvorsitzender des größten internationalen Medienhauses.

Es hat in den vergangenen Jahren nie auch nur den geringsten Zweifel geben können, daß die vom westfälischen Gütersloh aus geleitete Mediengruppe ihren 150jährigen Geburtstag in voller Unabhängigkeit feiern könnte. Viele Beobachter hatten allerdings ihre Zweifel, ob sich das Unternehmen der Öffentlichkeit dann noch so rüstig und dynamisch präsentieren könnte, wie es dies in den siebziger Jarren unter Leitung des damaligen Vorstandschefs und heutigen Aufsichtsratsvorsitzenden Reinhard Mohn getan hatte. Denn ausgerechnet in dem schwierigen siebten Jahrzehnt hatte der Gütersloher Medienriese ein Wachstumstempo vorgelegt wie kaum ein anderes deutsches Unternehmen. Lag der Umsatz Ende der sechziger Jahre weit unter einer Milliarde Mark und war Bertelsmann damals noch ein im wesentlichen auf den deutschen Markt konzentriertes Unternehmen, so wird es im Jubiläumsjahr ein Geschäftsvolumen von Weltweit über sechs Milliarden Mark ausweisen können.

Doch zu Beginn der achtziger Jahre vermochte selbst dieses flotte Wachstum nicht zu verhindern, daß die weltweite Konjunkturkrise auch Bertelsmann einholte. Verschärft wurden die Probleme noch durch die ebenfalls weltweite Strukturkrise im Musikgeschäft, die den Medienriesen an einer besonders empfindlichen Stelle traf, durch Umbrüche auf dem Buchmarkt und Umsatzeinbußen im deutschen Buchclubgeschäft, einer der tragenden Säulen im Konzerngebäude.

Ausgerechnet in diese Zeit fiel auch noch der von langer Hand vorbereitete Führungswechel. Getreu seinem Vorsatz wechselte Reinhard Mohn nach seinem sechzigsten Geburtstag vom Vorstand in den Aufsichtsrat und übergab die Verantwortung für die laufenden Geschärte an den schon vor Jahren gekürten Kronprinzen. Manfred Fischer, der seine Bewährungsprobe als Chef von Gruner + Jahr, der wichtigsten Tochtergesellschaft, glänzend bestanden zu haben schien, kehrte aus Hamburg nach Gütersloh zurück.

Doch dieser erste Stafettenwechsel ging gründlich schief. Die Vorstellungen, wie der Mediengigant am besten durch die Krise zu steuern und zu konsolidieren sei, waren so grundverschieden, daß es zwischen Reinhard Mohn und Manfred Fischer schon bald zum Zerwürfnis kam. Nach nicht einmal 18 Monaten räumte Fischer seinen Chefsessel wieder – den er zu seinem Ärger nie in das Zimmer hatte stellen dürfen, von dem aus Mohn sein Haus regiert hatte.

Mark Wössner, in aller Eile zum Nachfolger berufen, hatte mit solchen Äußerlichkeiten nichts im Sinn. Er zog zunächst nicht einmal in die Hauptverwaltung um, sondern führte die Regierungsgeschäfte von Druck: alten Chefbüro im Unternehmensbereich Druck: „Wo ich bin, sitzt der Vorstand“, beschied er alle, die sich darüber wunderten. Und wer darüber grübelte, ob sein Selbstbewußtsein nicht darunter gelitten habe, daß er nur die zweite Wahl für den Chefposten gewesen sei, hätte sich schon damals eines Besseren belehren können. Der 1938 geborene Sohn eines schwäbischen Kleinunternehmers, der seine Manager-Karriere in Gütersloh 1958 als Assistent der Geschäftsleitung begann und 1976 Vorstandsmitglied wurde, hatte wohl nie Zweifel an seiner Eignung.