Von Renate Scheiper

Irritiert fahre ich die kleine, enge Straße mit dem Kopfsteinpflaster entlang. Ich kann das schiefe, langgestreckte, etwas verwitterte Fachwerkhaus, das ich in Erinnerung habe, nicht finden. „Entschuldigen Sie, wo ist denn das Winckelmann-Museum geblieben?“ frage ich eine Frau, die aus dem niedrigen Fenster eines der Häuser lehnt. „Na dorte, wo det janze Baujelumpe steht, wo se det Haus uffmöbeln, det isset.“

Nicht wiederzuerkennen. In Stendals vor sich hin träumender Winckelmannstraße, wo sich ein Fachwerkhaus ans andere schmiegt, steht es da wie eine Primadonna, die für ihren Auftritt geschminkt wird. Und so ist es eigentlich auch. Nach fünfjähriger Umbauzeit – nicht immer ist das erforderliche Material rechtzeitig zu bekommen – wird das Museum nun bald in neuem Glanz erstrahlen, innen und außen. Hier wurde Johann Joachim Winckelmann – der Begründer einer neuen Kunstwissenschaft und Altvater der Archäologie – als Sohn eines armen Schusters im Jahre 1717 geboren.

Viel anders kann Stendal, das „Herz der Altmark“, damals auch kaum ausgesehen haben – jedenfalls innerhalb dieses alten Stadtkerns gleich hinter dem Wall: krumme Gassen, in denen sich die niedrigen Fachwerkhäuser aneinanderlehnen, als suchten sie gegenseitig Halt. Keines hat dieselbe Höhe wie das andere; manche sind so niedrig, daß man aus der Dachrinne trinken könnte. Bretterzäune füllen die Lücken in der Baureihe. Leuchtende Sonnenblumen lehnen sich über die Zäune, hohe, vollblühende Rosenbüsche und prächtige lila Levkojen verdecken die Fassaden, deren Putz allmählich abbröckelt. Alte Kastanien, Nußbäume undBuchen gewaltigen Ausmaßes überragen schützend die teils vermoosten Dächer.

Der spitze Turm der Petrikirche, die 1289 gebaut wurde, ragt wie ein Zeigefinger in den Himmel. Hier wurde Winckelmann getauft. Um die Ecke, in der Petrikirchstraße, wird von einem Leiterwagen Heu abgeladen, das in einem Parterrefenster wie in einem hungrig geöffneten Maul verschwindet. Eine Katze liegt im Nachbarfenster auf der Lauer. Vielleicht hofft sie auf eine Maus zwischen dem duftenden Heu.

Stendal, das zu Winckelmanns Tagen 5000 Bürger zählte, hat heute 45 000 Einwohner, mindestens die Hälfte wohnt allerdings in dem neuen Siedlungsgebiet am Stadtsee, das so unpersönlich ist wie alle aus dem Boden gestampften Vorstädte. Beruhigend tönt der satte Glockenton von der nahen Marienkirche über die Stadt. Die doppeltürmige gotische Kirche aus dem 13. Jahrhundert bildet mit Markt, Rathaus und Roland das Zentrum. Breitbeinig-trutzig hält der Roland seit 1525 vor der ehemaligen Gerichtslaube mit steil in den Himmel ragendem Schwert Wache. Er ist – nach dem Bremer und dem Wedeler – der drittgrößte aller erhaltenen Rolande und mißt ohne Federbusch und Schwert 5,41 Meter. Die Marienkirche ist seit kurzem wieder ein Schmuckstück: Die zarte mittelalterliche Malerei wurde unter der Übertünchung hervorgeholt, und das große, kostbare Altarbild mit seinem reichen Figurenschmuck ist restauriert. Nur für die seltene Uhr unter der Empore wird noch ein Uhrmacher gesucht, der sie wieder in Betrieb setzen kann.

An der Nordseite der Kirche steht auf der Andeutung eines Hügels der berühmte Sohn der Stadt: Wie unter dem Dach eines grünen Domes, aus drei ineinanderwachsenden uralten Buchen gebildet, sinnt Winckelmann – Buch und Feder in den Händen – darüber nach, wie er mit schlichten Worten die anmutige griechische Büste, die hinter ihm hervorlugt, beschreiben kann. So jedenfalls haben seine Verehrer dem Bildhauer seinen Auftrag beschrieben. Vom 17. Juni 1826 datiert ein langes und umständliches Schriftstück von Goethe: „Vorschläge zur Einleitung und Führung des Geschäfts, ein Denkmal dem berühmten Winckelmann in seiner Vaterstadt Stendal zu errichten.“ Der „Olympier“ wollte des Klassikers gedenken, der 1768 wegen ein paar Gold- und Silbermünzen in Triest ermordet worden war.