Von Carl-Christian Kaiser

Zu zahlreich sind seine Vorläufer und Nachfolger, als daß Erich Loest, auf eine Weise, noch ein exemplarischer Fall wäre. Die Reihe der Schriftsteller und Künstler aus der DDR, die gegangen oder gegangen worden sind oder die sich, da gibt es subtile Unterschiede, haben gehen lassen, halb freiwillig, halb unfreiwillig – diese Reihe reicht ja, nur zwei Namen, von Günter Kunert bis Wolf Biermann. Das ist über die Jahre hinweg kaum anders geworden. Schon bei Christa Wolfs frühem Roman „Nachdenken über Christa T.“ gäbe es anfangs Schwierigkeiten, und selbst ihr rasch gemehrter Ruhm bewahrt sie, wie bei ihrer grandiosen „Kassandra“-Parabel, nicht vor Zensur und Behinderung im anderen deutschen Staat. Seit jüngstem steht auch Günter de Bruyn, dieser zurückhaltende, faire, im Sinn der DDR-Räson geradezu loyale Mann in jener Reihe: Seine „Neue Herrlichkeit“ hat bisher nur in westdeutscher Lizenz (bei S. Fischer) erscheinen können.

Deshalb ist Erich Loest, seit über drei Jahren in der Bundesrepublik und seit letztem Herbst nicht mehr zur Rückkehr bereit, nur einer von vielen. Freilich, er hat auch alle Brücken zurück verbrannt, und das macht seinen Fall, auf eine andere Weise, doch exemplarisch. Denn er hat sein Schicksal, genauer: das eines seiner Bücher, aufgeschrieben und dokumentiert, in dem Rechenschaftsbericht

Erich Loest: „Der vierte Zensor. Vom Entstehen und Sterben eines Romans in der DDR“; Edition Deutschland Archiv im Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1984; 96 S., 14,80 DM.

Da handelt es sich um den Roman „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“ – ein Titel, halb dem DDR-Volksmund, halb Brecht entlehnt. Der Roman erzählt von einem jungen Ingenieur, der sich weigert, Karriere zu machen, der sich lieber im zweiten oder dritten Glied aufhalten will, unauffällig und selbstgenügsam, zufrieden als kleines Rädchen im Sozialismus. Allerdings, er hat auch Gründe. Als Junge ist er einst von einem Polizeihund gebissen worden, als er an einer unerwünschten Demonstration für eine Beatgruppe teilnahm. Ob ihn diese Konfrontation mit der gängelnden Staatsmacht als Trauma verfolgt und er deshalb selber keine Macht ausüben können will oder ob ihm das Erlebnis als Rationalisierung seines Daseins in Filzlatschen dient, bleibt in der Schwebe. Aber zur Metapher seines fehlenden Ehrgeizes wird das Aufbegehren gegen die Abrichtung seiner Tochter und eines anderen verängstigten Kindes zum Schwimmen. Der negative Held wehrt sich gegen jeden Leistungsdruck.

Eine anstößige Geschichte für den unaufhaltsam fortschreitenden, immer neue Leistungshöhen erklimmenden Sozialismus, wahrhaftig. Schlimmer noch: Loest erzählt diese Geschichte (die hierzulande in der Deutschen Verlags-Anstalt und im Deutschen Taschenbuch Verlag erschienen ist) geradeaus, ohne Umschweife, bar jeder kunstvollen Verschlüsselung. Sein Buch ist keine „große“ Literatur, wie es auch seine anderen Bücher kaum sind, etwa der Roman „Völkerschlachtdenkmal“ oder die Autobiographie „Durch die Erde ein Riß“ (beide bei Hoffmann und Campe).

Aber gerade diese Art Kunstlosigkeit verleiht seinen Büchern, und zumal dem „Gang“-Buch, zumindest für Außenstehende, aber wohl auch für DDR-Leser weitaus mehr Gewicht und Wirkung als die hochartifiziellen Arbeiten Christa Wolfs, die bisherigen Werke Günter de Bruyns oder auch Hermann Kants (deren Leserkreis ja auch in der DDR Grenzen hat). Bei Loest gibt es keine Ausflüge in die deutsche Romantik, kein Schürfen nach Kindheitsmustern, keinen Aufenthalt in der DDR-Vorvergangenheit, kein Vergraben in märkische Forschungen. Bei solchen Unternehmungen erfährt der Leser über die Wirklichkeit im anderen deutschen Staat wenig oder nichts: keine DDR, nirgends.