Vor zwanzig Jahren war der Nadelwald an den Hängen des ‚Camel’s Hump‘, eines hohen Gipfels in den nördlichen Green Mountains von Vermont, noch grün und dicht.“ So beginnt ein Bericht in der amerikanischen Monatszeitschrift Natural History vom November 1982. Autor Hubert Vogelmann vom Botanischen Institut der Universität Vermont, fand in jenem Herbst am „Kamelhöcker“-Berg folgendes vor: „Heute sind die Rotfichten tot oder am Sterben, und einige Tannen sehen krank aus. Dies ist eine Katastrophe, die in ein paar Jahren das Erscheinungsbild des Gebirges dramatisch verändert hat.“

Seit Vogelmanns Bericht wird in den Vereinigten Staaten öffentlich darüber diskutiert, welche Folgen die Luftverschmutzung für die ausgedehnten Wälder Nordamerikas hat. Für den Botaniker und seine Mitarbeiter brachen hektische Zeiten an. Journalisten, Bürger und Politiker wollten wissen, ob denn der berüchtigte „Saure Regen“ auch amerikanische Bäume schädigen könnte. Geldspenden, sogar von einem Öl-Multi, trafen ein. Doch gleichzeitig stellte ein Elektrizitätswerk aus Ohio, das die Botaniker drei Jahre lang mit 200 000 Dollar gefördert hatte, seine Unterstützung ein. Und zum großen Erstaunen Vogelmanns wollten die beiden unmittelbar betroffenen amerikanischen Bundesbehörden nichts von der Tragödie am „Kamelhöcker“ wissen: Das Umweltschutzamt lehnte Anträge auf Forschungsgelder ab, die amerikanische Forstbehörde zeigte sich desinteressiert.

Dieses Klima des offiziellen Nicht-wahrhaben-Wollens im Amerika Reagans illustrierte mustergültig ein Leitartikel in der konservativ-religiösen Bostoner Tageszeitung Christian Science Monitor vom 26. Juli 1983. In ihm ist von Waldschäden noch gar keine Rede, und das Problem des „Sauren Regens“ wird mit dem Hinweis auf „unvollständige Daten“ zu einem Definitionsproblem einiger „wissenschaftlicher Typen“ verniedlicht, die hinter „dem Geld anderer Leute“ her seien.

Solche Querschüsse konnten freilich nicht verhindern, daß die Stimmung in den Vereinigten Staaten im Sommer letzten Jahres umschlug. Zunächst waren es vor allem die Kanadier und die Bewohner der Neu-England-Staaten, die gegen den „Sauren Regen“ protestierten, der aus dem industriellen Kernland der Vereinigten Staaten Richtung Nordosten driftet und dort unter anderem die Fische in den Binnengewässern ausrottet.

Die Regierung Reagan hatte bis dahin behauptet, wegen der wissenschaftlichen Unsicherheiten über die Ursachen des „Sauren Regens“ lohne sich die teure Entfernung des Schwefeldioxids aus dem Rauch von Kraftwerken nicht. Doch dieses Argument zog nicht mehr, nachdem die bedeutendste naturwissenschaftliche Organisation der Vereinigten Staaten, die National Academy of Sciences, im Juni 1983 einen Bericht veröffentlicht hatte, der den „Sauren Regen“ unmittelbar mit den Schwefeldioxid-Emissionen in Verbindung brachte. Der Report wurde von einer breiten Umweltschutz-Koalition als „Abschluß der wissenschaftlichen Diskussion“ gelobt und begründete ihre Forderung, den jährlichen Schwefeldioxid-Ausstoß in den Vereinigten Staaten von 26 Millionen Tonnen baldmöglichst um acht bis zwölf Millionen Tonnen zu senken.

Unterstützt wurde diese Forderung auch durch das Ergebnis einer Studie, die unter der Leitung von Reagans Wissenschaftsberater George Keyworth erarbeitet ’worden war: Demnach ist die Gefahr einer „nicht wiedergutzumachenden“ biologischen Schädigung, vor allem in Böden, groß genug, um „trotz unvollständiger Kenntnisse“ sofort einzugreifen.

Selbst jene Bundesstaaten, welche die größten Opfer bringen müßten, scheinen seitdem zu akzeptieren, daß etwas getan werden muß. Bis heute konnte freilich keine Formel gefunden werden, wie die Kosten unter den Bundesstaaten aufgeteilt werden sollen. Auch in Washington ist vorerst der Elan jener Kongreßabgeordneten und Senatoren verflogen, die gehofft hatten, noch bis Ende 1983 ein Gesetz zur Minderung der Schwefeldioxid-Emissionen durchsetzen zu können.