„O mein Gott, wo sind die alten Bäume was ist damit geschehen?“ Achim von Arnim

Es ist Halbzeit. Halbzeit in einem Spiel, dessen Regeln wir noch längst nicht durchschauen, dessen Ergebnis wir jedoch zu ahnen beginnen: Es wird keinen Gewinner geben. Weder Natur noch Mensch, weder Bleituß-Befürworter noch Robin-Wood-Kämpfer werden ungeschoren aus dem Drama hervorgehen, das um uns herum abläuft – einem Drama, das wir ahnungslos, aber schuldhaft angezettelt haben.

Am Dienstag dieser Woche mußte Bundeslandwirtschaftsminister Ignaz Kiechle in Bonn die „vorläufigen Ergebnisse“ der „Waldschadenserhebung 1984“ verkünden: Genau die Hälfte des bundesdeutschen Waldes ist sichtbar geschädigt.

Die Zahl allein sollte – muß – jeden denkenden Menschen in diesem Land erschüttern. Doch das eigentliche Drama wird erst in den Details der (verharmlosend so genannten) „Waldschadenserhebung“ deutlich:

  • Der Anteil der geschädigten Fläche vergrößert sich von acht Prozent im Jahr 1982 über 34 Prozent im letzten Jahr auf nun 50 Prozent – obwohl das Wetter in diesem Jahr sehr günstig für den Wald war.
  • Alle Baumarten sind schwer betroffen, nicht mehr nur Tanne und Fichte, sondern auch Buche und Eiche.
  • Die Schwere der Schädigung nimmt bei der Fichte – dem „Brotbaum“ des deutschen Försters – schneller zu als bei der Tanne. Und sie nimmt bei den Laubbäumen Buche und Eiche noch schneller zu als bei der Fichte.
  • Alle Wälder der Bundesrepublik sind betroffen, wobei die Schadzahlen von Norden nach Süden zunehmen. Am schlimmsten grassiert das Waldsterben in Baden-Württemberg und Bayern, den Bundesländern, auf die zusammen mehr als die Hälfte der bundesdeutschen Waldfläche entfällt: 66 respektive 57 Prozent ihrer Forste sind sichtbar geschädigt.
  • Waldschädlinge wie Insekten und Pilze haben mit der galoppierenden Schwindsucht deutscher Wälder so gut wie nichts zu tun, ebensowenig forstliche Fehler.
  • „Die Schadenszahlen geben teilweise ein ,geschöntes’ Bild von der tatsächlichen Lage, da die Forstwirtschaft ständig bemüht ist, kranke und absterbende Bäume aus verwertungstechnischen und waldhygienischen Gründen zu nutzen“ (Zitat aus der „Waldschadenserhebung 1984“; Tabellen und Graphiken siehe Seite 18). An der Verläßlichkeit der Schadenserhebung gibt es nichts zu deuteln. Die nun vorliegenden Zahlen sind genauer als die der beiden vorangegangenen Jahre. Alle Länder wendeten erstmals das sogenannte Stichprobenverfahren an, nach dem schon im vorigen Jahr in Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen ermittelt worden war: „Die Erhebungspunkte wurden durch die Knotenpunkte eines Gitternetzes festgelegt, dessen waagerechte und senkrechte Linien einen Abstand von jeweils höchstens vier Kilometer hatten.“ Das Forstpersonal, das die Schäden aufzeichnete, war vor der Erhebung „intensiv geschult“ worden und bekam „im gesamten Bundesgebiet eine weiter verbesserte farbige Anleitung zur Diagnose und Klassifizierung der Waldschäden zur Verfügung gestellt“, wie es auf amtsdeutsch heißt.

Die Verläßlichkeit der Zahlen wird durch den Vergleich mit den vorjährigen Ergebnissen aus den drei Ländern erhärtet, die schon damals das Stichprobenverfahren anwendeten. Außerdem werden Ergebnisse und Trends der „Waldschadenserhebung 1984“ noch untermauert durch die Resultate von den 80 weit verteilten Dauerbeobachtungsflächen, auf denen die „Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg“, zum Teil schon seit 1975, zweimal jährlich jeden Baum auf seinen Gesundheitszustand untersucht. Überdies bekräftigen die Zwischenergebnisse der vom Bundesforscnungsministerium koordinierten „Ursachenforschung Waldschäden“ den Ernst der Lage – zuletzt Anfang Oktober beim fünftägigen „Statusseminar“ in Göttingen mit fünfzig Berichten.

Am Ausmaß des Waldsterbens könnte heute nicht einmal der ungläubige Thomas zweifeln, allenfalls ein pathologischer Ignorant. Und auch über die Ursachen der Tragödie läßt sich, den zum Teil bizarren Aussagen von Politikern und Industrievertretern (Stichwort: Tempolimit) zum Trotz, nicht mehr streiten. „Kein ernstzunehmender Forscher bezweifelt heute mehr, daß die Luftverunreinigungen bei der Entstehung der Waldschäden eine bedeutende Rolle spielen“, schreiben Professor Walter Schöpfer und Joachim Hradetzky von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg im Septemberheft des Forstwissenschaftlichen Centralblatts. In ihrem Bericht „Der Indizienbeweis: Luftverschmutzung maßgebliche Ursache der Walderkrankung“ fassen die beiden Freiburger Forscher weiter zusammen: „Zu groß ist inzwischen die Zahl wissenschaftlich fundierter Teilbeweise, die für eine ursächliche Beteiligung der Schadstoffe an der Walderkrankung sprechen. Offen und strittig dagegen ist nach wie vor die Frage nach dem Schadensanteil der Luftverschmutzung und der Bedeutung der einzelnen Schadstoffe.“