ZDF, 22. Oktober, 22.05 Uhr: „Erinnerung und Gegenwart – Nachdenken mit Christa Wolf von Wiltrud Mannfeld

Ein so leiser wie eindringlicher Film, adäquat dem Werk der Schriftstellerin Christa Wolf; nicht nur die Gesprächspassagen mit der Autorin sind spannend – auch der interpretatorische Text, behutsam und klar, wird ihrer Arbeit gerecht. Ohne Wichtigtuerei rückt dieses Porträt die Konstante ins Zentrum, die sich jedem erschließt, der sich dem Schreiben von Christa Wolf aussetzt: Geschichte; und die Frage, was wir in ihr taten, was sie uns antat.

Denn diese beiden Elemente, das Aktive wie das Passive, haben ihre Arbeit stets bestimmt: „Schreiben ist auch ein Versuch gegen die Kälte“, heißt es einmal, und ein andermal: „Wie viele Jahre ich es überhaupt noch will. Ein Altersruck, plötzlich.“

Dieser Dialektik geht der Film nach, fragt die Roman-Autorin nach dem privaten wie dem Geschichtskonzept. Und siehe – es läßt sich nicht trennen. So gibt sie Auskunft über den Impuls zum Roman „Kindheitsmuster“: „In diesem Jahrhundert ist kein Deutscher unbelastet und kann ohne zu zögern in die eigene Vergangenheit blicken. So wollte ich einerseits herausbekommen, was ein Kind auf sich laden kann, und andererseits, was die nähere Umgebung, die Eltern, Tanten, Onkel wirklich taten.“ Das klingt behutsamer als Helmut Kohls bramsiges Auftrumpfen „Zu jung, um schuldig zu sein“. Ein Kind kann zumindest – was für ein Wort – „rauschsüchtig“ werden.

Großartig, was Christa Wolf dann zu ihrer jüngsten Erzählung „Kassandra“ sagt, ihrer (utopischen?) Faszination, das Reich der Minoer und die in ihrer herrlichen Kunst gebannte Sehnsucht könne „die andere Möglichkeit des Menschen“ versinnbildlichen; eine ganzheitliche Kultur als Zeichen des „goldenen Zeitalters“. Daß auch dies in Wahrheit eine Klassengesellschaft war, fand die Autorin rasch heraus – und zumal eine, die der Frau kein Recht einräumte.

Diese Situation, aus der Gesellschaft ausgespien zu sein, hatte sie schon mit der Figur der Günderode in ihrer Erzählung „Kein Ort. Nirgends“ hergestellt; „am Leben zerbrechen ist manchmal nicht realitätsfremd“, sagt sie jetzt in dem Film, „es gibt Leben, die unlebbar sind“. Das bürgerliche Zeitalter braucht die Intellektuellen nicht, es beginnt eine Zeit, „die auf Nützlichkeit, Tauschbarkeit dringt“. Traurig sein ist da ein „unnützes“ Gefühl.

Da sind wir aus der Geschichte mitten im Heute – oder, wie Christa Wolf es sagt: „Der Weg in die Geschichte ist der Weg zu sich selbst; er lehrt auch Skepsis gegen Ideologien.“ Damit näherte sich der Film einem explosiven Thema: Hat die Vorherrschaft der Vernunft die Welt an den Abgrund gebracht? Christa Wolf wehrt sich gegen das pauschale Verdikt, gegen den „Vernunftmalus“. Die totale Herrschaft des instrumentalen Denkens, das alle Werte absetzt zugunsten einer vermeintlich funktionierenden Nützlichkeit, ist für sie nicht dasselbe wie der Sieg der Ratio.

In Christa Wolfs Konzept ist deutlich auch das humanum geborgen – zumindest als Hoffnung. Wird der Mensch zum Objekt gemacht, dann ist er nicht „dabei“, hat auch kein Schuldbewußtsein – das ist nicht gleich Lüge, aber Verdrängung. Das ist das große Thema all ihrer Romane: Der Mensch, als Subjekt, ist zwar nie schuldlos, aber verantwortlich. Es wundert nicht, daß für eine Schriftstellerin diese Selbstfindung eher im Wort möglich ist als etwa im Bild; Zeiten des Nicht-Schreibens, hören wir, sind für sie Zeiten der Abstinenz: „Ohne Wort bin ich gar nicht da.“ Fritz J. Raddatz