Von Werner Klose

Schon zwei Jahre vor dem Abwurf der ersten Atombomben auf zwei japanische Großstädte war, zum erstenmal in der Kriegsgeschichte, versucht worden, den Feind durch Luftterror zur Aufgabe zu zwingen. Was in Japan gelang, gipfelte im Endkampf um Deutschland in der Zerstörung Dresdens 1945. Diese Strategie des britischen Bomberkommandos hatte begonnen mit der Zerstörung Hamburgs in der Zeit vom 24. Juli bis 3. August 1943. Daß die Alten und Kranken, die Frauen und Kinder Hamburgs in den Wohnvierteln die gezielt getöteten Opfer eines sorgfältig geplanten Vorgehens waren, dokumentierte vierzig Jahre später einer der besten Filmberichte zum Zweiten Weltkrieg. Der Film zeigte am Beispiel Hamburgs die von allen Feindmächten damals gewollte Steigerung zum Völkermord. Die Dokumentation bewies präzise, wie moderne Massengesellschaften den Völkermord auch technisch und organisatorisch industriell produzieren. Verantwortlich für diese beispielhafte Dokumentation 1983 war Hans Brecht.

In der Regel schnippeln allzu viele Redakteure aus dem immer gleichen Material nur scheinbar neue „Dokumentarberichte“ zusammen. So entstehen oft fragwürdige Beziehungen im geschichtlichen Kontext, bleibt die Herkunft des Materials ungeprüft oder dem Zuschauer unverständlich, weil er zum Beispiel das konkrete „Augenzeugnis“ nicht von dem für die Propaganda-Show hergerichteten Machwerk unterscheiden kann. Hans Brecht vermied solche filmische Geschichtsklitterung. Das war kein Zufall. Als verantwortlicher Redakteur im NDR für die Reihe „Vor vierzig Jahren“ ist er der gegenwärtig beste Kenner des deutschen, sowjetischen, amerikanischen und britischen Wochenschaumaterials über den Zweiten Weltkrieg.

Inzwischen verfügt Hans Brecht, der die Wochenschauen von internationalen Fachleuten und sachverständigen Augenzeugen kommentieren läßt, über einmalige Schätze filmischer Geschichtsquellen. Doch diese Quellen werden zu wenig genutzt. Wer wie der Autor dieser Zeilen Geschichte studierte, Geschichtslehrer war und Geschichtslehrer ausbildete, kennt die Hilflosigkeit des Lehrers im Umgang mit Quellen, die nicht „Texte“ sind. Die eigenständige Aussage der Bilder, die es heute zahlreich in guten Geschichtsbüchern gibt, bleibt im Unterricht oft unbeachtet oder wird abgewertet zu bloßer Illustration. Es besteht keine Verbindung zwischen Hans Brecht und seinen Mitarbeitern und den Hochschulen oder gar Schulen.

So lernen Dozenten und Lehrer nicht, Fimdokumente zu bewerten und ihre Studenten und Schüler zu lehren, sachverständig mit dokumentarischem Bildmaterial umzugehen. An Wochenschauen, ganz gleich welcher Herkunft, wäre zu lernen, wie sich Kriegspropaganda als eigene „Waffengattung“ der Bilddokumentation bedient. Schließlich wäre zu lernen, wie diese Propaganda mit diesen Bildern, zum Beispiel nach Stalingrad, auf sowjetische, britische oder deutsche Zuschauer wirken mußte.

Der Verband der Geschichtslehrer in Nordrhein-Westfalen hat in Zusammenarbeit mit der Universität Dortmund in Arbeitskreisen mit 600 Geschichtslehrern zum erstenmal auch Filmwochenschauen als Quellen zur Zeitgeschichte herangezogen. Um so mehr ist zu bedauern, daß für diese Geschichtslehrer in Nordrhein-Westfalen nur im „Sommerloch“ der Dritten Programme Gelegenheit war, die Sendung „Vor vierzig Jahren“ direkt zu empfangen und für den Unterricht vorzuprüfen.

Es ist ärgerlich, daß die Rundfunkanstalten kostbares Material in ihren Archiven horten und es nicht einmal untereinander austauschen, geschweige eine Form finden, es auch sinnvoll den Schulen anzubieten. Für die Schulen sind Schulfunk und Schulfernsehen zuständig – mit anderen Aufgaben. Im übrigen fehlt jede Zusammenarbeit zwischen Sendeanstalten, Landesbildstellen und den Institutionen der Lehrerbildung.