Im deutschen Wald lebt sich’s gut. Zumindest trifft das auf einen Teil seiner Bewohner zu. Etwa zwei Millionen Rehe und gut 100 000 Hirsche (Rotwild) fressen sich durch Wald und Flur. Der unbändige Hunger dieser riesigen Herde ist allerdings weit größer, als es der Forstwirtschaft recht sein kann.

Schuld daran sind freilich weder der starke deutsche Hirsch und das herzige Bambi, sondern die Heger dieser gefräßigen Schar. 260 000 deutsche Jäger wollen schließlich etwas vor die Flinte bekommen. So kommt es, daß heute trotz Autobahn, Industrie und Zersiedlung so viele Rehe wie nie zuvor im Wald äsen. Mehr Rotwild gab es auf deutschem Gebiet nur im jagdfeudalen 18. Jahrhundert. Das alles geht auf Kosten des Waldes, der, so forderte der ehemalige Leiter der bayerischen Staatsforstverwaltung Max Woelfle schon vor 20 Jahren, "nicht den egoistischen Belangen einer kleinen Gruppe von Jagdscheininhabern geopfert werden dürfe".

Rehe und Hirsche fressen die für den jungen Wald wichtigen Pionierpflanzen kahl, "verbeißen" die zarten Spitzen, Knospen und Blätter junger Bäume oder schälen deren Rinden ab. An diesen Wunden haben die Bäume lange zu tragen: Durch die verletzte Rinde dringt der Rotfäule-Pilz ein und zerstört das Kernholz. Schon beim nächsten Sturm kann selbst ein erwachsener Baum an der Faulstelle abbrechen.

Viele Wälder können sich heute nicht mehr natürlich verjüngen, da vor allem die kleinen Tannen und Laubbäume dem Druck des Wildes nicht standhalten. Untersuchungen haben ergeben, daß im Harz 84 Prozent aller richten und 43 Prozent aller Buchen geschält sind. Im Rotwildgebiet der Nordeifel steht heute kaum noch eine Altfichte, an der noch kein Hirsch geknabbert hat.

Erstmalig im Jahr 1982 konnte sich ein großer, privater Waldbesitzer gegen die Verwüstung seines Forstes zur Wehr setzen. Er hatte gegen das Land Rheinland-Pfalz geklagt, weil sein 2500 Hektar großer Wald durch einen zu hohen Wildbestand zerfressen war. Das Oberlandesgericht Koblenz verdonnerte das Land als Jagdpächter zu einem Schadenersatz in Höhe von 2,5 Millionen Mark. In der Revision des Urteils wird jetzt erneut über die Höhe der Strafe verhandelt.

Die angegriffene Jägerschaft verteidigte sofort und massiv ihre Privilegien; sie behauptete, gerade die Rehe und die Hirsche erhielten die Vielfalt von Flora und Fauna im Walde. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Wo sich diese Tiere im Übermaß vermehren, bleibt kein Platz für eine artenreiche Pflanzenwelt (und damit zwangsläufig auch nicht für eine artenreiche Kleintierwelt); es dominieren bald saure Gräser und Adlerfarn, die vom Wild verschmäht werden.

Die von Forstverwaltungen ungern preisgegebenen Statistiken zeigen, daß die kapitalen Vielender hauptsächlich von den Platzhirschen aus Politik und Forstverwaltung erlegt werden. Kein Wunder also, daß jener gehörnbesessene Teil der Förster, moralisch gestützt von der Restjägerschaft, wenig Interesse zeigt, den Wildbestand auf ein ökologisch tragbares Maß zu verringern.