Von Ilma Rakusa

Absurd, aber wahr: Noch immer gilt es„hierzulande die Frage zu beantworten, wer Daniil Charms eigentlich ist, warum er einer der besten russischen Schriftsteller und Humoristen dieses Jahrhunderts ist, und jenen „drüben“ zu beweisen, daß er einer der besten ist. Zu beweisen vor allem jenen sowjetischen Literaturfunktionären, die den Charmsschen Satz „Reden wir lieber nicht weiter darüber“ zu ihrer Devise gemacht haben, so sehr, daß sie den absurden Dichter und seine Gruppe, OBERIU, 1930 brutal unterdrückten und noch heute dafür sorgen, daß sein Werk (abgesehen von Kindergeschichten) nicht veröffentlicht wird, möglichst auch nicht im Westen. Vor einem Jahr wurde der Leningrader Literaturwissenschaftler Michail Mejlach, der, in Zusammenarbeit mit Vladimir Erl, für die K-Presse Bremen eine mehrbändige Charms-Ausgabe vorbereitet (drei Bände sind erschienen, drei weitere abgeschlossen), verhaftet und hinter Schloß und Riegel gesetzt.

Charms ist in seiner Heimat nicht opportun – darüber täuscht weder seine offizielle Rehabilitierung (1956) noch seine Aufnahme in die „Kleine Literaturenzyklopädie“ hinweg. Was sowjetische Literaturwissenschaftler in den letzten Dezennien an Spurensicherung betrieben haben, ist auf Publikmachung im Westen angewiesen.

Doppelt wertvoll ist daher die von Peter Urban betreute, auf den ersten sechs Bänden der Mejlachschen Gesamtausgabe basierende umfangreiche deutschsprachige Auswahl von Gedichten, Prosafragmenten, Dramen, Briefen unter dem Titel „Fälle“, die neben zahlreichen unbekannten Texten auch neue Informationen zu Charms’ Biographie (Beate Rausch) und Werk (Peter Urban) enthält. (Bereits 1970 ist im S. Fischer Verlag ein Charms-Bändchen unter diesem Titel erschienen; aus urheberrechtlichen Gründen konnte Peter Urban jedoch, von einigen Ausnahmen abgesehen, nicht auf die damals übersetzten Texte zurückgreifen. 1983 erschienen, herausgegeben und übersetzt von Peter Urban, die „Geschichten von Himmelkumov und anderen Persönlichkeiten“ in der Friedenauer Presse, Berlin; 256 S., 35,– DM.)

Daniil Charms – eigentlich Daniil Ivanovic Juvacev – wurde am 17. Dezember 1905 in Petersburg geboren, er starb am 2. Februar 1942 in einer Leningrader Gefängniszelle. Sein schriftstellerisches Talent verdankte er seinem Vater, der – 1883 als Mitglied der terroristischen Vereinigung „Volkswille“ verhaftet und verurteilt – nach Verbüßung einer zwölfjährigen Haftstrafe zu schreiben begann. Charms debütierte als Siebzehnjähriger mit Scherzgedichten, unter einem Pseudonym, hinter dem vermutlich das englische „charm“ – Zauber – steckt. Jedenfalls betätigt sich Charms, der sowohl seine Studien am Elektrotechnikum als auch an der Staatlichen Filmhochschule abbricht, in der Folge als Wortzauberer und Verwandlungskünstler, als ein perfekter Meister der Selbstinszenierung.

Anfänglich stehen ihm die Futuristen Vladimir Majakovskij und Aleksej Krucenych Pate; 1925 schließt er sich Tufanov an; bald darauf gründet er mit Aleksandr Vvedenskij eine eigene Gruppe, die „Linke Flanke“ (Levyj flang). Für das Studententheater „Radiks“ entwerfen Charms und Vvedenskij die Stückmontage „Meine Mutter ganz in Stunden“; Malevic, Leiter des Staatlichen Instituts für Künstlerische Kultur GINCHUK, in dessen Räumen das Theater untergebracht ist, zeigt Interesse an einer Zusammenarbeit. Die Aktivitäten der „Linken Flanke“ konzentrieren sich hauptsächlich auf poetische Aktionen, die in einer Mischung von Dichterlesung, Propagandavortrag und Konzert den Ismen-Wirrwarr der zwanziger Jahre ad absurdum führen. Daß Charms, um bestehende Gruppen und Ismen zu verblüffen, einen eigenen Ismus schuf, wirkte paradox, wäre es nicht (auch) parodistisch gemeint gewesen.

Zusammen mit Aleksandr Vvedenskij, Nikolaj Zabolockij, Konstantin Vaginov und anderen beschließt Charms im Herst 1927 die Umwandlung der „Linken Flanke“ in die „Vereinigung einer realen Kunst“ (Ob’edinenie real’nogo iskusstva), abgekürzt OBERIU, wobei der Schlußvolkal „u“ spielerisch gegen jede Regel verstößt. Das (von Zabolockij verfaßte) Manifest der Oberiuten plädiert für eine experimentelle Kunst in sämtlichen Bereichen, während die offiziell erhobene Forderung nach einer allgemeinverständlichen Kunst „im Dickicht der schrecklichsten Irrtümer“ enden müsse. „Real“ ist nach Auffassung der Oberiuten weder der auf „Futtertroginteressen“ ausgerichtete neue Realismus (der bereits kanonisch zu werden beginnt) noch dessen Antipode, die „transmentale“ Zaum-Dichtung: „Wir erweitern und vertiefen in unserm Schaffen den Sinn des Gegenstandes und des Wortes, zerstören ihn aber keineswegs. Der konkrete Gegenstand, befreit von der literarischen und alltäglichen Schale, wird Besitz der Kunst. In der Lyrik drückt die Kollision der Wortsinne diesen Gegenstand mit der Genauigkeit der Mechanik aus. Schon wendet ihr ein, das sei nicht jener Gegenstand, wie ihr ihn im Leben seht? ... Vielleicht werdet ihr behaupten, unsere Sujets seien ‚unreal‘ und ‚alogisch‘? Wer hat denn gesagt, daß die Logik des Lebens für die Kunst verbindlich sei?“