Von Michael Sontheimer

Die Sicherheit, die man Ralf-Axel Simon seit knapp einem Jahr angedeihen läßt, kann sich wirklich sehen lassen: Fünf Panzerglastüren, die sich automatisch öffnen und schließen, zwei Drehkreuze, penibles Abtasten und noch mal drei Stahltüren, dann muß ich vor einer imposanten Gittertür warten, einer mit dicken Eisenstäben wie die eines Raubtierkäfigs. Hinter ihr sind allerdings keine Löwen und Tiger untergebracht, sondern Männer, die unter dem Verdacht stehen, Straftaten begangen zu haben, Untersuchungshäftlinge der Untersuchungs-Haftanstalt Berlin-Moabit. Ungefähr 140 Männer sind in diesem Flügel des über hundert Jahre alten Gemäuers in vier Stockwerken übereinandergeschachtelt. Ihre Zellen gehen von Eisengalerien ab, zwischen denen in jedem Stockwerk stabile Maschendrahtgitter gespannt sind. So einfach soll sich hier keiner aus der Verantwortung stehlen.

Am anderen Ende der langgezogenen Halle wird Ralf-Axel Simon hereingeführt. Mit einem wippenden, geradezu fröhlichen Gang kommt er neben einem Schließer herübergeschlendert. Er trägt blaue Arbeitskleidung, lange, lockige Haare rahmen ein zartes Gesicht ein. Daß er ein gefährlicher, notorischer Straftäter sein soll, kommt mir völlig absurd vor, er sieht aus wie ein friedfertiger Landkommunarde.

Der Schließer führt uns in einen kleinen Raum, dessen Einrichtung aus einem Waschbecken, einem Stück Seife, vier Stühlen, einem Tisch und einer Fischdose als Aschenbecher besteht. Nachdem Ralf-Axel mir bedeutet hat, daß die Gespräche im Raum abgehört werden, beginnt er seine Geschichte zu erzählen.

"Am 16. August letzten Jahres bin ich zu 16 Monaten verurteilt worden, wegen achtfacher Beleidigung, übler Nachrede und Aufforderung zu Straftaten. Obwohl ich nicht vorbestraft war, habe ich keine Bewährung bekommen, weil ich nach der Meinung des Gerichts ein Überzeugungstäter bin. Seit dem 16. September bin ich hier, immer in Haus 1, und das heißt jeden Tag 23 Stunden alleine auf der Zelle, 23 Stunden auf acht Quadratmetern. Die ersten drei Monate war ich in Totalisolation, hatte auch Einzelfreistunde. Seit ungefähr einem halben Jahr habe ich Kopfschmerzen und kann deshalb nicht mehr richtig lesen. Schreiben geht gerade noch, aber ich muß mich immer hinlegen. Die Kopfschmerzen, das sagen sie dir hier, die wären normal, das käme eben von den 23 Stunden Einschluß."

Die Worte sprudeln regelrecht aus ihm heraus, er spricht mit einer Präsenz und Intensität eines nach Kontakt mit Menschen Hungernden. Vonseinen Eltern erzählt er, die regelmäßig aus Osnabrück anreisen, um ihn zu besuchen und ihn rückhaltlos unterstützen, und davon, wie er 1972 nach Berlin kam und sich vorgenommen hatte, nicht so einer zu werden wie sein Großvater, der sein ganzes Leben lang als kleiner Beamter gebuckelt hatte.

Der Wille zum aufrechten Gang kann teuer zu stehen kommen, und daß das Gericht den 31 jährigen als Überzeugungstäter einstufte, ist so falsch nicht. In das Gefängnis hat ihn seine Überzeugung gebracht, die Verhältnisse in Gefängnissen seien so unmenschlich, daß es seine Aufgabe, ja seine Pflicht sei, diese Verhältnisse zu bekämpfen.