Weder schreiben wollte ich, noch in die Vergangenheit tauchen. Nur zuschauen, ganz gegenwärtig, nur dabeisein. Ich freute mich am Königsblau Deines Kleides in der von grau in grauen Herrenanzügen geprägten Schweizer Bundesrunde. Ich verfolgte mit Riesenspaß, wie der Vorsitzende der Versammlung nach Deiner Wahl das unterste Blatt seiner für die verschiedenen Wahl-Eventualitäten vorbereiteten Papiere hervorkramte, um das historische Ereignis anzukünden.

Aber kurz nachdem Du unter dem Rütligemälde jenen Schwur tatest, den bisher nur Männerzungen sprechen durften, fielen mir vor unserem gemeinsamen Bärner Gymer im Kirchenfeld Reminiszenzen wie farbige Herbstblätter vor die Füße. Ich konnte gar nicht anders. Ich mußte sie aufheben.

Banale Schnappschüsse, wie in jedem Erinnerungsalbum – „Memories are made of this“. Du konntest hinreißend lachen, nicht nur partiell, sondern im wahrsten Sinne des Wortes übers ganze Gesicht. Du hattest überhaupt nichts Streberhaftes an Dir und trotzdem gute Noten. Und Du hattest starke Beine. Aus meinem damaligen Blickwinkel eines plumpen Eishockey-Goalies sehe ich Dich nebenan auf dem Ka-We-De-Hauptfeld elegante und standfeste Kunstschleifrunden drehen. Demselben Schulweg folgend, sehe ich Dich kraftvoll die Pedale Deines Fahrrads – war es nicht grün? – den Kirchenfeldstutz hoch und dann dem Schienenstrang des Muribähnlis entlang durchtreten. Noch etwas: Du liebtest Fahnen und Wimpel. Als Velofahrerin und als Pfadi-Aktivistin bleibst Du in meinem Gedächtnis von farbig flatterndem Tuch eingerahmt. Heute weht es für Dich von den Kuppeln des Bundeshauses.

Ein Bild mit Folgen aus Berner Schulvergangenheit ließ mich in den 29 Jahren seit unserer Matur nie wieder los. Ich habe es rund um die Welt beschrieben und erzählt, wie ein Schweizer Wintermärchen. Es war einmal ein Mädchen in der Sekunda des Bärner Gymers, und es lag Schnee: Und sie kam als erste ihres Geschlechts in Hosen zur Schule – in völlig unprovozierenden, graukarierten: Und sie wurde vom Rektor Müri verwarnt, einem Altphilologen, der nichts gegen antike Nacktheit von versteinerten, den Gymnasiumeingang zierenden Statuen unverhüllter Jungfrauen und Jünglinge hatte, jedoch alles in Bewegung setzte, dem neuzeitlichen Sittenzerfall durch hosentragende Gymnasiastinnen von Anfang an zu wehren: Und dennoch erschien das Mägdlein wieder in Hosen, weil es nicht einsah, warum es für dieses Tenü nicht geschaffen sein sollte: Und der Rektor Müri wurde böse, er drohte mit dem Rausschmiß aus der Schule: Und danach durfte das Mädchen zum Unterricht nur noch Röcke tragen, auch wenn es bitter kalt war ...

Hier hört meine traurige Sage aus Urschweizer Prä-Jeans-Zeiten bisher auf. Von heute an werde ich sie durch ein Happy-End vervollständigen. Das darf ich doch? Obwohl Du mit schalkiger Bescheidenheit nicht versprechen wolltest, im Bundesrat Deinen Mann zu stellen.

Als wir diesen Gymer zu Bärn verließen, waren wir irgendwie alle Wunderkinder. Unsere Welt sah schwarz und weiß, daher heil aus. Ihre Probleme schienen quantifizierbar, daher definitiv lösbar, Kriegs- und Krisenzyklen gemeistert. Keynes und Goldstandard und Blues waren in. Doris Days Hit „Che sera, sera, whatever will be, will be, the future’s not ours to see“ beschwingte unsere Klassenfeste. War Echo unserer ungetrübten Zuversicht in die Dinge, die da kommen würden. Uns trieb noch kein harter Beat, uns peinigte keine atembeklemmende Lebensangst. Auf dem Fortschrittsglauben, den man uns beigebracht hatte, lasteten eigentlich keinerlei lähmende Zweifel.

An der Wand, hinter der unser Chemiezimmer lag, stehen heute in greller Ölfarbe Aufschreie, die uns damals fremd waren: „Schützt die Ozonschicht“ – „Erst wenn der letzte Baum tot ist, werdet ihr begreifen“. Haben wir je so richtig niederschmetternden „Nullbock“ gehabt? Unser politisches Interesse und Engagement waren von beflügelnden Kennedy-Ahnungen, nicht von Che-Guevara-Prophezeiungen erfüllt. Doch heute steht jeder Gymeler, der Pause macht, dem auf eine zentrale Säule gepinselten Aufruf zum „Definitiv-Stunk“ gegenüber. Oder dem Ausbruch revolutionär verstandener, verzweifelter Ungeduld: „War nid bewegt, verreckt.“

Wenn ich an diesem Tag, an dem für Dich die Fahnen wehen, an unsere alte Schule schaue, dann wird mir klar, wie wenig uns diese Lern- und Lehranstalt auf das vorbereitet hat, was uns bevorstand. Weil wir im Grunde alle keine Hosen tragen durften. Dann wird mir auch klar, was Du da auf Dich genommen hast. Allerdings mit dem großen, rundum anspornenden Startvorteil, die erste zu sein.