Der Bauer macht am Ende des Feldes einen engen Bogen, berührt die weißblauen Pfähle nicht und bleibt in Deutschland-West. Oben, am anderen Ende des Feldes, greift der Mähdrescher weit aus, und dann teilt er wieder die goldene Flut reifer Ähren. Bis er am Anfang von Deutschland-Ost steht. Wieder 50 Meter tief in Deutschland-West wischt der Bauer ärgerlich den Schweiß von der Stirn: „Wohl wieder mal ein Bild von der Zonengrenze gefällig, was?“ Und nach einer langen Pause: „Wenn ich einen bösen Nachbarn hätte, dürfte ich doch auch nicht auf seinem Grund wenden.“ Und dann geht er heim nach Filke, auf seinen Hof, der eine Familie ernährt, an einer Grenze, die keine Sensation mehr ist für die Bürger aus Filke, Willmars und Völkershausen.

Aber für die Fremden. Die stehen da mit Ferngläsern so groß wie Kanonenrohre, als ob sie von hier bis nach Berlin gucken wollten. „Nu sieh mal da, da ist der Zaun.“ Und dann werden sie ganz ärgerlich, die Bürger aus Filke, weil die Grenze kein Ding ist, das man angaffen darf und weil die Menschen hier nicht in einem Zoo leben, zum Anfassen, Streicheln und Füttern. Gerhard Schätzlein, der einst als junger Lehrer nach Filke versetzt worden ist, zu seiner ersten Lehrerstelle in seinem ganz jungen Leben, hat nie wieder diesem Zauber einer Ideallandschaft entsagen wollen. Nur am Anfang, da war es schlimm, da hat er sich gewehrt, aufgelehnt gegen diese Grenze. Aber heute, heute hat er gelernt, damit zu leben. Und er ärgert sich nur noch über die Gaffer und Gucker, die aus der Zonengrenze, aus seinem Land, ein Wunderding machen wollen, mit ein paar Spinnern, die den Mond noch mit der Stange schieben.

Gerhard Schätzlein ist Bürgermeister geworden, weil er das Land so liebt und die Leute. Weil er nicht aufgeben will, nicht resignieren. Die Zahlen sind gegen ihn, doch nicht der Mut, nicht der Wille und nicht die Kraft, die von ein paar wenigen ausstrahlt, die da glauben, daß auch Filke, Willmars und Völkershausen Heimat sein können. Für die es sich lohnt, zu trotzen, zu ringen und einzutreten. Sicher, da stehen Häuser leer, und in Willmars wohnt in jedem zweiten Gebäude ein Alleinstehender über 60 Jahre. Aber – da ist der Bauer auf seinem Mähdrescher, da ist ein gut florierender Schreinereibetrieb, in dem fünf Arbeiter in Brot und Lohn stehen, und da sind ein paar unerschrockene Idealisten, die ihr Land verkaufen, weil es so schön ist, an die Fremden aus der Großstadt, für vier Wochen Sommerfrische und gutes Geld.

Nein, es ist kein Vergnügen, am Rande der Welt zu leben, es ist keine Gnade. Es ist ein tagtäglicher Kampf ums Überleben, um einen jungen Menschen, der zur Seßhaftigkeit verführt werden soll, wo schon der Wohlstand in der Stadt so fragwürdig geworden ist. Gerhard Schätzlein versucht es mit Dorferneuerung, mit Kanalisation, mit Wasser, mit einem Bürgerhaus, ja, er kaufte für die Gemeinde sogar das Wirtshaus auf, damit die Männer noch einen Skat klopfen können, wenn es Feierabend werden will. Doch der Wohlstand kostet mehr, als die Bürger bezahlen können.

„Ich bin ein anderer Mensch geworden, seit ich Bürgermeister bin“, sagt Gerhard Schätzlein. Früher, als er noch als Juso die Welt verbessern wollte, wußte er nicht, was das heißt: bitten. Heute rutscht er auf den Knien von einer Dienststelle zur anderen, vom Landratsamt zur Regierung und wieder zurück. Für ein bißchen Geld, für eine Handvoll Zuschuß. Der Teufelskreis schließt sich immer wieder, wenn am Anfang Armut steht. Weil die Gemeinde Willmars keine Gewerbebetriebe hat, hat sie kein Steueraufkommen, und weil sie kein Steueraufkommen hat, auch keine Eigenmittel. Und weil sie keine Eigenmittel hat, bekommt sie keine Zuschüsse. Selbst ein Höchstfördersatz von 80 Prozent läßt einen Rest 20. Unbezahlbar mit 9000 Mark Gewerbesteueraufkommen pro Jahr aus Filke, Willmars und Völkershausen.

Früher? Ja, früher gab es in den drei Nachbargemeinden noch fast tausend Einwohner, der Höchststand wurde nach der Flüchtlingswelle 1950 erreicht. Und es gab alles, was zur Grundversorgung nötig war. In Willmars zum Beispiel zwölf Handwerksbetriebe, in Filke 34 landwirtschaftliche Unternehmen. Und heute? Heute fährt die rollende Metzgerei die drei Dörfer an, stundenweise und nicht mehr jeden Tag. In Willmars arbeiten noch drei Handwerksbetriebe, in Filke ist die Landwirtschaft auf zwei Bauern zusammengeschrumpft. Die Bäckerei in Willmars hat zugemacht, nur ein Gemischtwarenladen deckt den Bedarf an Scheuermitteln und tiefgefrorenen Bratwürsten. Die Flüchtlinge, die einst das Dorf überflutet hatten, brauchten nur Brot für die Wanderschaft nach Westen. Auch die eigenen Kinder haben keine Wurzeln geschlagen. 710 Bürger leben noch im Schatten dieses Grenzabschnittes, und es werden immer weniger.

Die Jugend hat neue Ziele gefunden, auch Bürgermeister Schätzlein konnte seine beiden Töchter nicht halten. Wenn die Kinder eine höhere Schulbildung haben, tauschen sie Wohlstand gegen Heimat. Vor allem die Mädchen zieht es weg, sie finden keinen Mann, der nach Filke will. Und die alten Leute sind verbittert und mutlos geworden. Die Zonengrenze, einst grün und durchlässig, hat sie nach dem Mauerbau von Berlin mit einem Schlag ihrer Besitzungen, ihrer Verwandtschaft und ihrer kulturellen Bindungen beraubt. Die evangelische Bevölkerung hatte ausschließlich Kontakt nach Thüringen, die Wirtschaft orientierte sich nach Osten, nie zum bayerischen Westen hin.