Von Kurt Becker

Rainer Barzels verheißungsvoller Aufstieg zum führenden Manne der Union zu Beginn der siebziger Jahre endete mit einem politischen Drama: dem Rückzug aus allen Führungsämtern. Folgt nun, elf Jahre später, auch noch eine persönliche Tragödie und die irreparable Beschädigung der Amtswürde des Bundestagspräsidenten? Barzel, einst die große Führungsbegabung in der Union, genießt auch heute hones Ansehen und Respekt. Gleichwohl können die jüngsten, diesmal auf ihn bezogenen Enthüllungen des Spiegel über die Praxis des Flick-Konzerns bei Zuwendungen an Politiker nicht auf die leichte Schulter genommen werden.

Im Kern lautet der gegen Barzel erhobene Vorwurf, er habe von Flick auf verdeckte Weise – als Mitarbeiter einer Frankfurter Anwalts-Kanzlei – über die Jahre hinweg insgesamt 1,7 Millionen Mark dafür erhalten, daß er im Frühjahr 1973 den Unionsvorsitz für Helmut Kohl geräumt habe. Barzel bestätigt die Bezüge, verweist auf die ordentliche Versteuerung, bestreitet aber entschieden – und hier entscheidet sich möglicherweise sein Schicksal – jede Kenntnis über einen Zusammenhang mit der Geldquelle Flick.

Ob tatsächlich eine ursächliche Verknüpfung zwischen Quasi-Abfindung und Rücktritt bewiesen werden kann, ist Sache des Bonner Flick-Untersuchungsausschusses. Barzel – ein Politiker, der sich seinen Rücktritt abkaufen läßt? Dieser Anwurf erscheint wirklichkeitsfern. Läßt man den Beginn der siebziger Jahre noch einmal Revue passieren, dann ergibt sich ein anderes, vom trivialen Mammon freies Bild. Nach dem Machtverlust der Union in Bonn im Herbst 1969 gewann Barzel Autorität, weil er seine Partei aus ihrer tiefen Resignation herausriß. Er wurde ihr Führer, und zugleich ihr Integrator durch einen leidenschaftlichen Ansturm gegen die Ostverträge der Regierung Brandt-Scheel. Er wagte im Frühjahr 1972 den Sturz des Kanzlers Willy Brandt. Doch er verfehlte sein Ziel um Haaresbreite und erlebte damit seine erste schwere Niederlage.

Angesichts der Pattsituation im Bundestag versuchte Barzel dann, das Ruder völlig herumzureißen. Durch die damals von ihm durchgesetzten Nachbesserungen der Ostverträge – was immer sie in der Form einer schließlich einstimmig angenommenen Bundestagsresolution tatsächlich bedeutet haben – wollte er seine Partei zur Annahme der von ihr erbittert bekämpften Verträge gewinnen. Damit leitete Barzel seine zweite Niederlage ein. Er riskierte es nicht, dieses Unterfangen mit seiner politischen Existenz zu verknüpfen. So erreichte er statt eines Ja nur eine halbherzige oder sogar zähneknirschende Stimmenenthaltung. Die Ostverträge waren zwar, wie er es wünschte, gerettet. Aber schon im Herbst des gleichen Jahres ereilte Barzel die dritte Niederlage: Bei der Wahl zum Bundestag wurde die Union von Willy Brandt hoffnungslos abgeschmettert.

Danach verfiel Barzels partei-interne Autorität rapide. Als sich die Union im Frühjahr 1973 anschickte, gegen den deutschen Beitritt zu den Vereinten Nationen zu stimmen, sah sich Barzel von der noch immer gegen die Ostpolitik eingestimmten Mehrheit seiner Partei separiert und zur völligen Wirkungslosigkeit verdammt. So endete sein unaufhaltsamer Sturz in Etappen. Es ist nicht zu erkennen, warum für diesen Rücktritt noch ein Preis an ihn hätte entrichtet werden müssen.

Aber die politischen Entwicklungen von 1973 liefern für die Vorwürfe gegen Barzel nur einen Aspekt. Zu klären bleibt natürlich, welche Kautelen Barzel als Geschäftsgrundlage für sein Dasein als Oppositionsführer außer Diensten akzeptiert oder sogar selber angestrebt hat. Was schwebte Kurt Biedenkopf und Heinrich Köppler vor, als sie Flick zugunsten Barzels um ein Salär angingen? Und der kniffligste Punkt: Verstanden der Frankfurter Anwalt Paul und Barzel das Arbeitsverhältnis bloß als eine Scheinoperation? Barzel muß sich auch dazu äußern, was er über das Flicksche „Mäzenatentum“ zugunsten der Kanzlei wußte, die – auch über Barzels Schreibtisch – für Flick arbeitete. 1,7 Millionen Mark sind ziemlich viel Geld.