Von Roger de Weck

Paris, im Oktober

Der Präsident beugte sich vornüber, riß seinen Blick aus dem Manuskript und starrte gedankenverloren in die Menge. François Mitterrand senkte die Stimme, daß sie nicht mehr trug. Er sprach im detachierten und doch von Wehmut nicht ganz freien Tonfall jener, denen nichts erspart geblieben ist: „Die Franzosen haben Zeit zum Nachdenken. Der Film, den sie sich heute anschauen, begeistert sie offensichtlich nicht, das wollen wir zugeben. Was den anderen Film betrifft, so haben sie ihn schon gesehen. Rühmlich war er nicht. Kann man ein neues Drehbuch schreiben? Mit denselben Schauspielern oder mit anderen? Die Franzosen haben das letzte Wort.“

Der Vergleich, den jüngst ein demütiger Mitterrand anstellte, verriet so etwas wie ein Gefühl der Ohnmacht. In den Augen des Präsidenten laufen mitunter die Ereignisse wie ein Film ab. So hochmögend der gewählte Monarch ist und bleibt, so schwach scheint letztlich doch sein Einfluß auf den Gang der Dinge. Die Hoffnung hat er nicht verloren, längst aber die Zuversicht. Laut Umfragen hadern 52 Prozent der Franzosen mit ihrem Staatschef; genausoviel hatten vor dreieinhalb Jahren für ihn gestimmt. Jetzt – vor Beginn der zweiten Halbzeit von dreieinhalb Jahren – schenken ihm nur noch 31 Prozent ihr Vertrauen. So unbeliebt war bislang kein Präsident der Fünften Republik.

Mitterrand und seine Parteifreunde werden sich nicht so bald davon erholen, daß sie ihr „Bad Godesberg“ erst vollzogen, als sie an der Macht waren, und nicht – wie 1959 die SPD – in der Opposition. Den französischen Sozialisten wurde zum Verhängnis, daß sie an der Regierung erst regierungsfähig werden mußten. „Frankreichs Linke wollte mit dem Kapitalismus brechen – nun bricht sie mit dem Sozialismus“, heißt es hämisch in Paris. Weltfremd hatte sie sich in den 23 Oppositionsjahren einer schattenhaften Doktrin verschrieben. „Dann aber traten die ideenlosen Tatsachen nackt und riesenhaft hervor“: Oswald Spengler sah das Ende der Ideologien nahen, den untergang des socialisme à la française erleben wir heute.

Es tut weh. „Die Linke muß fürwahr den Kelch bis zur Neige leeren. Wie schön hätte sie es heute in der Opposition!“ Jean Daniel, der Chefredakteur des linken Nouvel Observateur und Beichtvater so mancher sozialistischer Minister, hat Mitleid: „Der Kreuzweg dieser Regierung nimmt kein Ende“, schreibt er. Über die zahlreichen Stationen Register zu halten, über die Etappen der Selbstverleugnung Buch zu führen, ist fast schon eintönig geworden. Die Sozialisten haben wenig von dem vollbracht, was sie sich vorgenommen hatten. Und was ihnen am besten gelungen ist – die Europapolitik oder der Ansatz zur Dezentralisierung – at mit Sozialismus wenig zu tun.

Rechtsum kehrt, marsch! Den brutalen Kurswechsel erzwang zunächst die Wirtschaftskrise, die „unsere geistige und institutionelle Statik zu Bruch gehen ließ“. Etwas umständlich erklärt der Literat Régis Debray, einstiger Guerrillero und nunmehriger Elvsée-Berater, einen einfachen Tatbestand: Auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik haben die während zwei Jahrzehnten gewachsenen sozialistischen Vorstellungen nicht einmal einem Jahr der Regierungsverantwortung standgehalten. Die unvermeidliche Wende zur austerite begann bereits im Juni 1982 mit einem Preis- und Lohnstopp. Seither „verdauen wir unsere gröbsten wirtschaftlichen Fehler“, gesteht unumwunden Michel Rocard, der Agrarminister und alte Rivale Mitterrands.