Mit seinem achten Spielfilm ist Peter Lilienthal zurückgekehrt auf jenen Kontinent, der ihm, dem jüdischen Emigranten, fast zwei Jahrzehnte Zuflucht, vielleicht auch Heimat war. Den quirligen, eitlen und zugleich traurig-sehnsüchtigen Showman Ruby Dennis aus „Dear Mr. Wonderful“ (1982) hat er ersetzt durch einen Bandoneon-Spieler von verhalten-ruhigem Temperament und einen Boxer mit großen Illusionen.

Wie die früheren Filme Lilienthals („Der Aufstand“, „Es herrscht Ruhe im Land“, „La Victoria“) entstand auch dieser nicht in Uruguay, Chile oder Argentinien, wo er thematisch angesiedelt ist, sondern in Portugal. Als deutsch-französische Co-Produktion hätte Lilienthal für seinen Film zwar eine Drehgenehmigung in Uruguay oder Argentinien bekommen können, doch er wollte jene der dortigen Bewohner, die als Statisten, Techniker und Darsteller mitgemacht hätten, nicht in Gefahr bringen. Denn im „Autogramm“ geht es wieder um Macht und Ohnmacht, um Herrscher und Beherrschte, es geht um die Lebensbedingungen der kleinen Leute, die gegen ihre diktatorischen Regierungen wenig oder nichts auszurichten vermögen.

Entstanden ist das Drehbuch nach dem Roman „Winterquartiere“ des in Paris lebenden Argentiniers Osvaldo Soriano. Vom Ost-Berliner Verlag Volk und Welt wird eine Übersetzung ins Deutsche vorbereitet; beim Suhrkamp Verlag ist eine westdeutsche Ausgabe geplant.

Ockergelbe Stoppelfelder unter blaßblauem Himmel, zuweilen ein knorriger Olivenbaum inmitten der Weite: Ein grauhaariger Mann mit schmalem Gesicht und Jeansjacke fährt im Zug durch diese Landschaft und läßt seine Augen schweifen. Nichts behindert seinen Blick, und der Zug fährt dahin, als fahre er in die Unendlichkeit. Der Mann jedoch hat ein Ziel. Daniel Galvan (Juan José Mosalini), Bandoneonspieler in der Hauptstadt, fährt in das kleine Städtchen Flores. Dort haben die Militärs ein Volksfest arrangiert; denn trotz Gängelung und Unterdrückung soll das Volk auch feiern dürfen.

Als Galvan in Flores ankommt, ändert sich jäh der Kamerablick. Die schwarzen Stiefel eines Soldaten rücken immer näher, beherrschen schließlich das Bild. Dann sieht man noch mehr Soldaten, auf dem Dach, dem Bahnsteig, neben dem Ausgang. Fast ein Stilleben: nur Galvan bewegt sich, verläßt den Bahnhof und die dort zur Schau gestellte Macht. Als Rocha (Angel del Villar), der schwarze Schwergewichtsboxer, wenig später eintrifft, wird diese Macht auch ausgespielt. Er muß sich mit erhobenen Händen an die Wand stellen und wird mit geübten Griffen abgetastet.

In Flores, einem Ort mit hellgetünchten Häusern, herrscht Ruhe, eine gespenstische Ruhe, die nur, das finden die beiden Männer bald heraus, durch ständigen Polizeieinsatz hergestellt wird. Unbefangen und fern allen politischen Absichten sind Galvan und Rocha nach Flores gekommen. Doch schon nach wenigen Stunden muß sich Galvan entscheiden: für die Macht oder das Volk. „Galvan spielt für die Mörder“ entdeckt er in großen Lettern an einer Häuserwand. Als wenig später ein junger Polizist ein Autogramm von ihm fordert, verweigert er es.

Nicht er wird Ziel polizeilicher Gewalt, sondern Rocha, dem die Polizisten mit dem Gewehrkolben die Hand zerschlagen. Galvan wird vom Kommandanten (Hanns Zischler) Auftrittsverbot erteilt, und er wird aufgefordert, die Stadt zu verlassen. Galvan bleibt. Die beiden Männer, Rocha und Galvan, die in Habitus, Denkweise und Haltung so wenig gemein haben, kommen sich näher. Galvan erkennt, daß Rocha im Boxkampf mit einem Offizier nur eine Marionette sein wird, und beschwört ihn, den Kampf abzusagen. Rocha besteigt den Ring – trotzdem.