ARD, Freitag, 19. Oktober: „Gott und die Welt“

So sieht gute Handwerksarbeit aus: ein Porträt des Friedensnobelpreisträgers, Bischof Tutu, das binnen kurzem zu einem Charakterogramm des Landes Südafrika wurde, einer Region, deren weiße Minorität, da sie immer noch gebieten kann, wie’s ihr gefällt, unter dem besonderen Schutz des allmächtigen Gottes zu stehen scheint.

Statt zu personalisieren und die wundersame Privatgeschichte von Aufstieg, Prestige und Bedrohung des Gottesmanns Tutu zu erzählen, ging ein WDR-Team daran, die Arbeit und nicht das Leben, das Team um den Bischof, den Friedensrat, und erst in zweiter Linie den Bischof selbst vorzustellen. Auf diese Weise gewann am Beispiel des einzelnen die protestantische Kirche Südafrikas und am Beispiel dieser Kirche wiederum die Politik der regierenden Minderheit Anschaulichkeit.

Hüben die Verfechter der christlichen Religion und drüben die Anwälte der Religion Christi: Dank dieser Gegenüberstellung kam exemplarisch zur Sprache, welche Möglichkeiten eine Kirche hat, die sich mit einer Politik konfrontiert sieht, in deren Namen Aktion für Aktion das Evangelium außer Kraft gesetzt wird. Ergreifend zu sehen, mit welcher Gelassenheit Frauen argumentierten, die, vom Friedensrat betreut, Jahr für Jahr, oft unter unsäglichen Opfern, nach Johannesburg fahren, um ihre inhaftierten Männer wenigstens für ein paar Stunden zu sehen.

„Einmal kam ich zu spät“, sagte eine ältere Frau, „weil mir das Geld für ein Taxi fehlte. Das Schiff, das zur Gefangeneninsel hinüberfuhr, war schon abgefahren. Ich bat, am nächsten Tag kommen zu dürfen, aber sie ließen es nicht zu, und mein Mann hat vergebens auf mich gewartet.“

Erregende Minuten im Fernsehen, immer wieder: Wenn einfache Menschen erzählen und Ereignisse, über die in anschaulicher Rede Derichtet wird, das Verpassen eines Schiffs oder die Existenz einer Trennwand im Gefängnis, die es nicht ermöglicht, einen geliebten Menschen zu berühren... erregende Minuten, wenn Ereignisse, über die man oft gelesen hat, plötzlich Wirklichkeit werden und Mimik, Sprache und Gestik einem Alltagsereignis zeichenhafte Bedeutung verleihen, so daß bei der Erzählung vom Gefängnisbesuch, schlicht und unfeierlich, eher angedeutet als ausgesprochen, der biblische Bericht vom Weltgericht mit ins Spiel kam: Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr habt mich besucht.

Kein religiöser Film, alles in allem, diese knappe Dokumentation über Bischof Tutu und den gewaltlosen Widerstand der Christen in Südafrika, wohl aber ein vorbildliches Feuilleton, das in behutsamer Weise verdeutlichte, was Regierende in aller Welt heute mit christlicher Religion anstellen und wie eine Kirche, die ihrem jesuanischen Auftrag treubleiben möchte, darauf zu reagieren hat: durch einen Rekurs auf jene Theologie der Befreiung zum Beispiel, die Bischof Tutu in höchst eigenwilliger Weise interpretierte: als Verständigungsart von Christen, denen darum zu tun ist, in täglicher Arbeit für die entrechteten Farbigen zugleich jenen Gott zu verehren, der, gut biblisch, für den Auszug aus der Gefangenschaft steht.