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ARD, Mittwoch, 31. Oktober, 20.15 Uhr: "Lenin in Zürich", Fernsehfilm noch Alexander Solschenizyns gleichnamigem Roman, von Claus Hubalek und Rolf Busch

Lenin und Zürich, das ist eine explosive Kombination. Lenin: der prinzipientreue Revolutionär, beherrscht, konzentriert, gespannt, ein Tiger auf dem Sprung. Und Zürich: die Hauptstadt des Weltspießertums, der Heuchler und Lakaien (wie Lenin sie nannte), das Metropolchen der pünktlichen Uhren und der sauber gefegten Straßen.

Alexander Solschenizyn hat dies in seinem Roman "Lenin in Zürich" dargestellt: Wie beim Zusammenprall der russischen Lokomotive mit der Schweizer Trägheit Energie entsteht, wie in der Auseinandersetzung mit seiner Zürcher Umgebung jener Lenin sichtbar wird, der drei, vier Jahre später die Revolution in Petersburg prägen sollte.

Kurz nach Kriegsbeginn, im August 1914, wird Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, aus dem unter österreichisch-ungarischer Herrschaft stehenden Galizien ausgewiesen. Schweizer Sozialdemokraten bürgen für ihn; er darf – zum zweiten Mal in seinem Leben – in die Schweiz übersiedeln. Dort gilt es, die Fäden der internationalen Arbeiterbewegung fest in die Hand zu bekommen. Unzählige Briefe, Direktiven, Kommentare, Analysen schickt der emsige Lenin an seine Kombattanten. Er muß sie bei der Stange halten, sie für Verhandlungen und Konferenzen rüsten, ihnen die richtigen Argumente einbleuen. Schließlich sind sie, die Bolschewiki – wörtlich die Mehrheitler –, in Wirklichkeit in der Minderheit; auf nicht mehr als zwei oder drei Dutzend kann sich Lenin stützen.

Doch mehr braucht er nicht. Seine gesamte erdrückende Argumentationskraft verwendet er darauf, den Gegner zu schwächen, ihn zu spalten. Er predigt den Schweizer Sozialdemokraten, die eher am Achtstundentag interessiert sind als an der Diktatur des Proletariats, warum sie ihre Waffen gegen die eigene Regierung richten sollen und wie sie einen Bürgerkrieg vom Zaun brechen können.

Er hat schon etwas Tragikkomisches: Lenin, der die Macht im größten Land auf Erden an sich reißen wird, verschwendet seine Kraft an die Schweizer Spießbürger, an Zürichs Muff. Solschenizyn gibt diese vergeblichen Mühen mit einem Augenzwinkern an den Leser weiter. Doch er weiß, daß man den humorlosen Lenin nicht lächerlich machen kann.

Genau an diesem Punkt scheitert die Verfilmung des Buches. Der Fernseh-Lenin (Wolf-Dietrich Berg) ist eher pausbäckig; er argumentiert nicht, sondern verbreitet politische Losungen in einem papahaften Ton. Und wenn er dies nicht tut, dann redet ihn die wichtigtuerische Stimme des Erzählers an, mit Sätzen wie: "Ja, Wladimir Iljitsch, es ist ein Jammer, daß man das Volk für die Revolution braucht." Solschenizyn hält sich beim Erzählen fast durchgehend an die distanzierte dritte Person; er biedert sich nicht – wie im Film – mit dem herablassenden "Du" an.

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Auch die zentrale Figur des Parvus ist in der Fernsehfassung mißraten. Bei Solschenizyn ist Israel Lasarewitsch Helphand, genannt Parvus, der "einzige ernstzunehmende Rivale, den Lenin in der ganzen Welt hatte". Parvus, mit demselben rasiermesserscharfen Intellekt begabt wie Lenin, weiß Situationen ebenso blitzschnell zu erfassen und präzise Strategien zu entwerfen, wie sein großer Kontrahent. Den Ersten Weltkrieg hat er genauso vorausgesagt wie die spätere Dominanz von Amerika und Rußland über Europa. Dieser Parvus (bildschirmfüllend gespielt von Hans Wyprächtiger) wirkt im Film eitel, selbstzufrieden und übersättigt. Der Drehbuchautor hat sich Solschenizyns Charakterisierung bedient, sie einfach in die Ich-Form verwandelt und dem Parvus-Darsteller in den Mund gelegt: "Ich war der erste, der den Weltkrieg vorausgesehen hat ..."

Die Filmemacher Rolf Busch und Claus Hubalek haben die Gesetze des Fernsehens nur schlecht mit der Treue zum Buch versöhnen können. Sie hatten weder die Disziplin, hart am Text zu bleiben, noch den Mut, die Geschichte mit eigenen Ideen zu bereichern.

Michel Chaouli