Von Helmut Becker

Eine knappe Fahrstunde südlich der südkoreanischen Hauptstadt Seoul ragt ein Hügel aus der ländlichen Szenerie, den die Einheimischen stolz Silicon Hill nennen – in Anlehnung an das amerikanische Elektronik-Dorado Silicon Valley. Der koreanische Samsung-Konzern hat dort für 200 Millionen Dollar die vorerst modernste Mikrochip-Fertigung des Landes aus dem Boden gestampft. Sechs Monate lang schufteten die Arbeiter in 24-Stunden-Schichten auf der Baustelle, während Heizsonden den gefrorenen Boden weich hielten. Jetzt ist das Werk fertig. Seit September produziert Samsung Semiconductor & Telecommunication als erster in Südkorea hochintegrierte Speicherchips aus Silizium ohne ausländische Lizenz in Serie.

Neben dem Hügel gähnt ein tiefes Loch – die Baugrube für eine zweite Mikrochip-Anlage. Dort soll Ende nächstens Jahres die Fertigung der nächsten Generation von Chips beginnen, mit denen Südkorea den Anschluß an die amerikanisch-japanische Weltspitze endgültig erreichen will. Die Anlage kostet weitere 125 Millionen Dollar.

Der japanische Nachbar nimmt die Herausforderung des neuen Elektronik-Konkurrenten ernst. „Die Koreaner liegen Jahre hinter uns Japanern zurück“, wiegelte Atsuyoshi Ouchi, Vizepräsident des weltweit zweitgrößten Mikrochipherstellers und führenden japanischen Elektrokonzerns NEC zwar ab. Aber in Japans Konzernzentralen macht sich trotzdem die Angst breit, daß der Nachbar auf dem Elektronikmarkt ebenso einen Überraschungscoup landen könnte, wie zuvor bei Schiffbau und Stahl. „Sie werden zu Konkurrenten für uns“, urteilt Yasuo Miyauchi, Vorstandsmitglied bei Japans größtem Elektrokonzern Hitachi. Von einer zweiten Elektronik-Nation in Fernost hält Nippon gar nichts: „Dreiseitige Handelsfriktionen auf dem Mikrochipmarkt zwischen Japan, den USA und Südkorea in Sicht“, warnt die japanische Wirtschaftszeitung Nikon Kezai Shimbun und befürchtet in Südkorea eine „leichtsinnige Industriepolitik“.

Derartige Maßhalteappelle ausgerechnet aus Tokio werden die Südkoreaner in ihrem Ehrgeiz aber kaum bremsen. „Nach den Erfolgen der Schwerindustrie geht es nun mit Riesenschritten in anspruchsvolle Elektronik“, analysiert die Far Eastern Economic Review aus Hongkong die technologischen Ambitionen des Industrieschwellenstaates.

Südkoreas vier große Chaebol – die alles beherrschenden Industriekonglomerate – Hyundai, Daewoo, Samsung und Lucky-Gold Star sowie die Spitzenbürokratie in Seoul ahmen das Vorbild nach. Nicht mehr in der Schwerindustrie, sondern in anspruchsvoller Elektronik soll die Zukunft der Nation liegen. Schon 1984, so der Spitzenverband der koreanischen Elektroindustrie, wird der Export der Branche nur noch von der Textilindustrie überragt; 1986 soll sie zu Südkoreas Exportschlager Nummer eins avanciert sein. Mikrochips gelten in Südkorea ebenso wie in Japan als Schrittmacher des Fortschritts. Im Mai letzten Jahres verabschiedete das Kabinett in Seoul seinen „Plan für die Stärkung der Halbleiterbranche“, der der Elektroindustrie neben massiven Steuererleichterungen für die Jahre 1988 ein Kreditvolumen von 270 Milliarden Won (gut eine Milliarde Mark) verspricht. Der laufende Fünf-Jahres-Plan (1982 bis 1986) spiegelt schon das Elektronik-Duell zwischen Korea, den USA und Japan wieder: 160 Millionen Dollar dienen dem Aufbau der Elektronik-Industrie.

Ein Heer staatlicher Forscher tüftelt obendrein in dreißig von siebzig öffentlichen und privaten Forschungsinstituten an der Entwicklung von Halbleitern, elektronischen Schaltungen und Computern. Amtliches Planziel: 1990 soll allein der Mikrochipexport drei Milliarden Dollar erreicht haben (1983: 672 Millionen Dollar). Die vier großen Konglomerate verlassen sich trotz ihrer gewaltigen Geldmacht nicht allein auf heimische Forscher. „Strategische Kooperation mit führenden Auslandsfirmen soll der südkoreanischen Elektronikindustrie gemeinsam mit eigenen Entwicklungen eine Vormachtstellung bescheren“, hat die Far Eastern Economic Review die Strategie analysiert.