Der West-Export rangiert vor der eigenen Versorgung

Von Joachim Nawrocki

Wenn auf die Werkshöfe von DDR-Betrieben Lastzüge mit westdeutschen Kennzeichen rollen, macht sich bei den Arbeitern Frust breit. Denn die Waren, die sie verladen müssen, können sie im eigenen Lande nur selten oder nie kaufen. Ungeniert hauen sie denn auch die westdeutschen Fernfahrer an: "Laß mal was davon hier." Oder sie mosern: "So etwas müßte es bei uns auch mal geben."

Als ein Fernfahrer mit seinem erst zur Hälfte mit Mädchenkleidern beladenen Lastzug in einem anderen Betrieb vorfuhr, um billige Jeans abzuholen, inspizierten die Arbeiter erst einmal neugierig den Laderaum, um zu sehen, was denn auf den Stangen hängt. "Ei gucke mal, wie süß. Das hab’ch hier noch nie gesehen", lautete der Kommentar im schönsten Sächsisch.

Die Zöllner, die als "Staatsorgane" immer mit auf der Verladerampe stehen und das Beladen überwachen, tun so, als hörten sie nichts, oder sie machen munter mit. Manchmal greifen sie auch freiwillig beim Verladen mit zu. Aber das hindert sie nicht daran, sorgfältig die Waren zu zählen, die Lieferpapiere genau zu prüfen und darauf zu achten, ob auch keiner der Arbeiter den gelegentlich geäußerten Wunsch "Kannste mich nicht mit in den Westen nehmen?" in die Tat umzusetzen versucht, bevor sie den Laderaum plombieren. An der Grenze werden nämlich dann nur noch die Fahrzeugpapiere kontrolliert.

Was auf diesem Wege beispielsweise an Textilien die DDR verläßt, betrachten die Käufer im Westen als mittlere Qualität und Billigware. Aus der Sicht der DDR-Wirtschaftsfunktionäre – aber auch der Bevölkerung – ist das jedoch hochwertige und im eigenen Land sehr begehrte Exportproduktion, die wertvolle Devisen bringt.

Mit dem Herbst hat nun wieder die Hochkonjunktur im innerdeutschen Handel eingesetzt. Auf den Lastzügen rollen die Konsumartikel für das bundesdeutsche Weihnachtsgeschäft von Ost nach West: Oberbekleidung und Unterwäsche, Bett- und Tischtücher, Schuhe und Lederwaren, Glas und Keramik, Elektrogeräte, Fernseher, Spielzeug und Möbel, Tapeten und Heimwerkerbedarf.