Unbestritten hat jeder das Recht, die Forderung der Gewerkschaften nach der 35-Stunden-Woche schlicht „dumm und töricht“ zu finden. Die Freiheit nahm sich, wie erinnerlich, Bundeskanzler Helmut Kohl vor den Streiks in der Metall- und Druckindustrie.

Daß man sich in Bonn als Christdemokrat aber auch ernster zu nehmende Gedanken über die Verkürzung der Arbeitszeit machen kann, führt Meinhard Miegel vor. Miegel ist Chef des von Kurt Biedenkopf ins Leben gerufenen Instituts für Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik. Teils zusammen, teils im Alleingang hatten die beiden eher nachdenklichen Unionsmänner über ihr Institut schon häufiger bemerkenswerte wirtschaftspolitische Analysen und Ansichten verbreitet. Jetzt profilierte sich Miegel als gründlicher Fürsprecher der Arbeitszeitverkürzung.

Angesichts von immer knapper werdender Arbeit, so der Volkswirt in seiner jüngsten Studie „Arbeitsmarktpolitik auf Irrwegen“, dürfte deren Verteilung nicht länger allein Marktmechanismen überlassen bleiben. Die Tarifparteien müßten angebotene und nachgefragte Arbeitsmenge quantitativ und qualitativ aufeinander abstimmen. Versagten sie dabei, müsse der Staat – zum Beispiel über eine Arbeitszeitordnung – eingreifen.

Die Gewerkschaften haben aber keinen Anlaß zu ungetrübter Freude über den Zuspruch aus dem konservativen Lager. Ebenso entschieden, wie er für strikte Kostenneutralität der Arbeitszeitverkürzung plädiert, stellt Miegel die Gewerkschaften in ihrer bisherigen Organisationsform in Frage. Die Tarifverträge müßten nach Regionen und Branchen viel stärker differenziert werden. Es sei nicht einzusehen, wieso zum Beispiel Schiffbau und Computerindustrie unter dem Dach Metalltarif vertraglich einheitlich behandelt werden. Das könne früher oder später für die Gewerkschaften auch „die Organisationsfrage aufwerfen“.

*

Der Haushaltsausschuß des Bundestags unter dem Vorsitz des Sozialdemokraten Rudi Walther übt mit dem Etatrecht die elementarste Funktion des parlamentarischen Systems aus, und so was macht selbstbewußt. Das bekam vorletzten Mittwoch Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann zu spüren. Der Ausschuß bestand darauf, daß der Minister bei den Beratungen über seinen Etat bis zum Schluß anwesend war.

Zimmermann verdroß das, weil er eigentlich mit Bundeskanzler Helmut Kohl in Köln das Länderspiel der deutschen Fußballmannschaft gegen Schweden hatte sehen wollen. Da die Elf um Karl-Heinz Rummenigge nicht nur gewann, sondern auf Anordnung von DFB-Chef Hermann Neuberger auch noch vor dem Anpfiff so schön das Deutschlandlied intonierte, muß Zimmermann der Verzicht doppelt hart angekommen sein. Doch die ungeliebte Verlängerung im Haushaltsausschuß brachte dem Minister einen Sieg: Sein Etat ging ohne nennenswerte Kürzungen durch die Beratung.