Die Sendlinger Straße ist Münchens Alltag – ein solides Pflaster ohne Schickeria-Schmus

Von Monika Putschögl

Natürlich brauche ich keine Wärmeflasche, die ein rosa Gummihund mit grüner Fliege ist. Ich brauche auch kein Pistazieneis mit Schlagsahne drauf, das ich dann anzünden kann. Ich brauche keinen Gartenzwerg und kein Minifahrrad als Bilderrahmen. Ich brauche auch keine gläserne Gans, die mir Licht spendet. Aber ich brauche die Läden, in denen man all diese herrlichen und überflüssigen Sachen kaufen kann, Läden, in denen man stundenlang herumstreunt und dann doch, ohne etwas kaufen zu wollen, den Filzstift ersteht, der nach Erdbeeren riecht. In der Sendlinger Straße gibt es drei von diesen Läden, und ich nabe fast einen ganzen Tag zwischen Hunderten von Gläsern und Kerzen vertändelt, zwischen Plastikbeuteln und Häkeltaschen, zwischen Henna und Blumenkränzen, zwischen Himalaya-Badeöl und Seifenkugeln mit Donald-Duck-Gesicht.

Wenn es darum geht, ein offizielles Loblied auf Münchens Einkaufsstraßen zu singen, so wird gewiß keine Hymne auf die Sendlinger Straße angestimmt. Als Einkaufsmetropole kehrt München gern das Weltstädtische hervor. Da kann, sind wir ganz ehrlich, die Sendlinger Straße nicht mithalten. Sie ist eine bürgerliche Straße und nicht so protzig wie die Laufstege, die der Werbeprospekt als "gut besucht und gut betucht" anpreist: die Maximilianstraße zum Beispiel, die mit Oper und Hauptpostamt in monumentalem Pomp beginnt, in der sich die Galerien mit Hundertwasser und Wunderlich auffädeln, der Cerutti und Yves St. Laurent das internationale Flair einhauchen, in der ein Juwelierladen ein Renaissancediadem ausstellt und im Schaufenster daneben eine Uhr für knapp 50 000 Mark plaziert. In der Maximilianstraße residiert unter Kristallüstern und zwischen rocaillenverziertem Interieur ein Münchner Nobelcouturier, der Krawatten für 119,90 Mark das Stück präsentiert und die Schaufensterpuppen mit einbandagierten Köpfen und Füßen in der Auslage sitzen läßt.

Auch mit der Brienner Straße, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts unter dem ersten bayerischen König Maximilian I. Joseph als Prachtstraße der nördlichen Vorstadt ausgebaut wurde, kann die Sendlinger Straße nicht konkurrieren. Denn die Brienner ist eine wahrhaft königliche Straße, Teilstück des Wegs von der Residenz zum Schloß Nymphenburg, gesäumt von kühlen klassizistischen Palais-Fassaden. Rund drei Millionen Mark war es der Stadt München wert, das feinste Stück der Straße zwischen dem Odeonsplatz und dem Platz der Opfer des Nationalsozialismus nach zweieinhalb Jahren U-Bahn-Bau wieder rauszuputzen. Und auch die anliegenden Geschäfte spendierten ihr Scherflein, auf daß die königliche Straße wieder leuchte. Von blumigen Ornamenten umrankt, schwingen sich die wuchtigen gußeisernen Lichtmasten empor, neigen ihre Laternen gnädig zum Boulevard; für den Entwurf der Blumenkübel dazwischen wurde ein Bildhauer Blumen-Es gilt, die Feinheiten zu beachten in solch einer Straße, in der man an exquisiten Einrichtungshäusern vorbeiflaniert, am Kindermodeladen einer Schauspielerin, an den "must" von Cartier, an elegant-faden Modegeschäften.

Nobelpfad zur guten Stube

Nur ein bißchen zu kurz geraten ist die Nobelstrecke, um es mit den Einkaufszentren dieser Welt aufnehmen zu können. Aber man muß ja nur vor der Feldherrnhalle und neben der Theatinerkirche die rechte Straße einschlagen, und schon ist man auf Münchens autofreiem Pflaster für gehobene Ansprüche, der Theatinerstraße. Die St. Kajetan-Kirche, barocker Fixpunkt der München-Silnouette und bekannter als Theatinerkirche, ist benannt nach dem Orden, der auch der Straße den Namen vermachte, und das einzige bauliche Prachtwerk, das geblieben ist. 1975 wurde die Theatinerstraße auf 390 Meter feierlich als Fußgängerzone eröffnet. Ihren Reiz machen heute Höfe und Passagen aus.