Von Peter Hays

Liebe Münchner Spaziergänger, beim Versuch, die Riten frisch gelandeter Wesen aus einer anderen Galaxie zu deuten, hätten Ihre Gesichter wohl denselben verwunderten und zeitweilig gequälten Ausdruck getragen. Zu Dutzenden sind Sie während der Saison, die jetzt unter goldenem Blattwerk langsam ausklingt, oft lange beim Anblick unseres Treibens im Englischen Garten stehengeblieben und aus uns einfach nicht schlau geworden. Ungefragt im Namen des Munich Cricket Clubs, kurz MCC genannt, will ich versuchen, jene Fragen, die ich in Ihren Stirnfalten las, nachträglich zu beantworten.

Nein, mit Croquet, die Vermutung hörte ich Sie ein paarmal am Rande des Spielfelds murmeln, hat unser Cricketspiel kaum mehr gemeinsam als Fußball mit dem Torwandschießen im ZDF-Sportstudio. Croquet wird zwar auch auf einem kurzgeschorenen Rasen gespielt, aber in der Regel, kurz vor oder nach dem afternoon tea, von älteren Damen und Herren, die im rosenduftenden Schatten ihrer Landhäuser mit langstieligen Holzhämmern kleine Kugeln sanft antippen. Nur ein amoklaufender Butler könnte ihnen dabei jene Blessuren zufügen, die einige unserer Spieler in den letzten Monaten erlitten: Graham einen gebrochenen Daumen, John eine Schnittwunde am Jochbein, Stuart einen K.-o.-Schlag auf die Nasenwurzel.

Ja, trotz solcher Gefahr gründet ein Angelsachse, der für längere Zeit im Ausland gelandet ist, mit anderen Exilierten als erstes einen Cricketverein. Als zweites läßt er die von ihm favorisierte Teesorte einfliegen, die er für die Spielpausen braucht; und schließlich holt er vielleicht auch noch seine Ehefrau nach. Denn ohne Cricket, das sommers zu Hause auf der Insel traditionell König .Fußball das Zepter abnimmt, wird er die zarte Illusion von Heimat nicht hegen und pflegen können. In der Hinsicht wirkte unsere kleine Spielecke im Englischen Garten, der Hirschanger, heuer besonders anheimelnd. Der Wind rauschte im Eschen- und Eichenlaub, die Sonne kämpfte ständig gegen dunkle Regenwolken, und nur bayerische Blasmusik von irgendeinem Kassettenrecorder störte zuweilen unsere Fata Britannica.

Ich ahne es, unser Dreß kommt Ihnen besonders dandyhaft vor. Weiße Schuhe, weiße Socken, lange weiße Hosen, weißes Hemd und, bei Ihrem Sommerwetter, meistens auch noch weißer Pullover. So steht doch allenfalls mal einer rum, der auf einer Schwabinger Vernissage ins Auge stechen will. Doch bei uns gilt der ganzweiße Look für jeden der Spieler, die sich in zwei Elferteams gegenüberstehen. Das stilvolle Auftreten mit hartem, lederbesticktem Ball und hochschultrigem bat (Schläger) aus Weidenholz stammt aus nebliger Urzeit des Crickets, da es in erster Linie Gentlemen der englischen upper class spielten. Nicht allzu lange ist es her, da herrschte im Mutterverein des Crickets, dem Londoner MCC, noch klassenbewußte Segregation: Die vornehmen Amateure kleideten sich getrennt von den paar schlecht bezahlten Profis im Vereinspavillon um. Inzwischen ist auch Cricket ins professionelle Lager übergewechselt. Sponsoren wie Benson & Hedges geben den bis zu drei Tage langen Wettbewerben zwischen englischen Grafschaften und einer einzigen walisischen, Glamorgan, ihren Namen. Aber rund um den Erdball wird noch ganz in Weiß gewetteifert. Als das Empire zerbröckelte, gehorchte keiner mehr Britanniens Gesetzen, aber dessen Cricketregeln wurden weiterhin in fast allen Ex-Kolonien beachtet. Gegen Indien, Pakistan, Sri Lanka, Westindien, Australien, Neuseeland, Fidschi und – bis zum Ausschluß aus der internationalen Cricketfamilie wegen seiner Apartheidpolitik – Südafrika absolviert die englische Nationalmannschaft regelmäßig test matches, Länderspiele. Nur die US-Rebellen blieben lieber bei Baseball, einer Sportart, die wir Cricketeure hochnäsig für einen ungehobelten, sehr entfernten Verwandten unseres nuancenreichen, athletischen Schachspiels halten.

Nein, keiner kann erwarten, daß er die Regeln nach dem bißchen Zuschauen kapiert. Allerdings dürfte das Kerndrama sichtbar genug sein. Paarweise, mit Schlägern bewehrt, kämpfen die Spieler einer Mannschaft auf einer zentralen, rund 24 Meter langen Wurfbahn, die noch kürzer geschoren ist als die umliegende Wiese, gegen ihre elf Gegner. An beiden Enden der Wurfbahn sind jeweils drei circa 70 Zentimeter hohe stumps (State) im Rasen aufgepflanzt, die abwechselnd von einem der batsmen (Schlagmänner) gegen bowlers (Werfer) der Konkurrenz verteidigt werden. Letztere versuchen, sich in Serien von sechs Würfen abwechselnd, von einem Stabtrio auf das gegenüberliegende mit dem Ball zu treffen und damit den Defensiv-Schlagmann auszuschalten. Der wiederum bemüht sich, nicht nur seine stumps intakt zu halten, sondern den Ball auch möglichst weit und außer Reichweite der strategisch um ihn plazierten feindlichen Elf zu schlagen. Während deren fielders (Feldspieler) nach einem guten Hit dem Ball nacheilen, wechseln Defensiv-Schlagmann und sein gerade nicht attackierter Partner im 24-Meter-Spurt den Platz. Für jeden dieser rasanten Wechsel wird ein run (Pluspunkt) verbucht. Wenn alle Schlagmänner – bis auf den elften, der ohne Partner nicht weiterwirken darf – out sind, tritt das bisherige Wurf- als Schlagteam auf. Die Mannschaft mit den meisten runs gewinnt.

Damit bin ich natürlich nur ein kurzes Stück ins Dickicht der Regeln vorgedrungen. Sie wundern sich zum Beispiel, warum unser Team, wenn wir als Feldspieler dran sind, oft minutenlang statisch wie eine Freiluft-Cocktailrunde und sportlich allenfalls zum Heben eines Sherry-Glases fähig erscheint. Stuart, John und ich, hinter dem gegnerischen Schlagmann postiert, unterhalten uns tatsächlich über Wetter, Familie und Beruf. Denn Tony und Trevor, zwei unserer schnellsten Werfer, nehmen langen Anlauf, um den Ball möglichst mit dem Tempo eines von 0 auf 100 beschleunigenden Porsches zu schleudern und geben uns damit Zeit genug zum small talk. Doch nach einem Wurf macht einer der Plauderer oft einen Hechtsprung, den jemand in seinem Alter lieber lassen sollte. Denn fängt einer von uns einen vom Schlagmann unglücklich getroffenen Ball, bevor dieser den Boden berührt, ist der batsman genauso out als wären seine stumps touchiert.