Von Rudolf Wagner

Keine Bettler, aber auch keine Touristen; keine koloniale Gegenwart und doch Croissant-Bäckereien in allen Stadtteilen: Die Volksrepublik Kongo ist ein Land der Gegensätze, die in Brazzaville wie zum Vorzeigen aufeinanderprallen. Der pittoreske Markt im populären Poto-Poto-Viertel, den man sich nur mit angehaltenem Atem erschließen kann, widerspricht dem Supermarkt an der Ecke neben der deutschen Botschaft, in dem frisch eingeflogener Salat und Langusten zu doppelten Europa-Preisen zu haben sind. Es scheint für die fliegenübersäten, halbverfaulten Tomaten und stinkig-lappigen Gemüse ebenso Käufer zu geben wie für die Luxuswaren aus Frankreich.

Die Stadt, heute voller Parolen über Planerfüllung und marxistisch-leninistische Arbeitsfreude, ist eine französische Gründung. Das Ansehen von Pierre Savorgnan de Brazza, einem italienischen Offizier im Dienst der französischen Marine, blieb aber ungebrochen. Er war es, der 1879 einen Freundschaftsvertrag mit dem Teke-König Makoko schloß und dafür als Geschenk am Ufer des Kongoflusses ein Dorf erhielt, das Brazzaville wurde. 1910 ist der Flecken zur Verwaltungshauptstadt Französisch-Äquatorialafrikas gemacht worden. Im Zweiten Weltkrieg nahm die Stadt das Hauptquartier des Resistance-Generals Charles de Gaulle auf, der von dort aus die Befreiung seines Vaterlandes von der deutschen Besatzung betrieb und gleichzeitig zum Heros der afrikanischen Unabhängigkeit wurde.

Das Haus des Generals, heute traditionsreich Hütte – „Case de Gaulle“ – genannt, ist längst der französischen Republik übereignet und zur Residenz des Botschafters gemacht worden. Das prachtvolle Anwesen überblickt von einem Hügel am Flußufer die weite tropische Landschaft, von Windungen des Kongo durchzogen. Dieses eine der drei architektonischen Merkmale Brazzavilles ist aus Dankbarkeit von afrikanischer Hand gemauert, gefügt und bezahlt worden. Das De-Gaulle-Denkmal am Eingang der breiten Allee, die auf die Residenz zuführt, ist ebenfalls das Werk eines einheimischen Künstlers.

Die beiden anderen Gebäude von Rang in Brazzaville beherbergen übrigens die Zentralafrikanische Entwicklungsbank und die von Moskau mitfinanzierte Schule der kongolesischen Arbeitspartei. Zu dritt beschreiben sie treffend die Einflüsse, die auf die kongolesische Politik wirken. Die Sanierung der 64 Staatsbetriebe, die defizitär arbeiten, macht Fortschritte, ist aber längst nicht abgeschlossen. Im Mittelpunkt der kongolesischen Stabilitätspolitik steht das Ziel, die Außenwirtschaft kreditwürdig zu halten. Frankreich bleibt bevorzugter Handelspartner, die Westeuropäer profitieren davon.

Die Bundesrepublik ist so in den Genuß einer automatischen Telephonverbindung mit der Volksrepublik Kongo gekommen. Der Selbstwähldienst von Wanne-Eickel nach Brazzaville und Pointe-Noire funktioniert einwandfrei hin und zurück. Nur die Kongolesen, die aus der Hauptstadt mit Bussen und geländegängigen Lastwagen in eine der Provinzen reisen, müssen andere Fernmelde-Techniken anwenden. Sie sagen bei der Stimme der Revolution Bescheid, wenn sie abfahren, und bald erfahren Alphonsine und Molamba aus dem Radio, daß Kotodi sich auf den Weg gemacht hat und in drei, vielleicht erst in sieben Tagen in Sembe eintreffen wird.

Wenn die Wege noch schwerer passierbar werden und die Regenzeit Brazzaville mit einer dunklen Wolkenhaut überzieht, wird in der Malschule von Poto-Poto die Tusche kräftiger aufgetragen. Seitdem die Schüler, Jungen ab zehn Jahren, ein Taschengeld für Farben und ihre Ausbildung zahlen müssen, laufen sie nicht mehr so oft den Lehrern davon und sind auch williger, Grundsätze der Mischtechnik auswendig zu lernen. Das tiefgezogene Dach schützt die kleinen Maltische, die halb im Freien stehen. Im Innern des Gebäudes gibt es nur zwei viereckige Säle, an deren Wände Gemälde ausgestellt werden, mit deren Verkauf sich die Malschule trägt.