Franz Josef Strauß und Helmut Kohl: Die Stimmung in der CSU ist anti-Bonn

Von Nina Grunenberg

München, im Oktober

Die Regisseure des CSU-Parteitages unterdrückten am vorigen Wochenende ihre wölfischen Instinkte und verhielten sich wie die Biber. Bäume wurden benagt, Dämme wurden errichtet – und von Barzel kein einziges Wort gesagt. Um so offenere Worte fielen dagegen über die "Meilensteine", die die christlichliberale Koalition auf dem Weg zu einer "Gesellschaft mit menschlichem Gesicht" schon gesetzt hat. "Wir sollten mehr davon reden, liebe Freunde", rief Bundeskanzler Helmut Kohl den über tausend Delegierten in der Bayernhalle in München zu, "man muß es einmal klar aussprechen".

Fünfundsiebzig Minuten lang zu reden, ohne sich zur Sache zu verausgaben, war eine Kraftanstrengung, die dem Kanzler offensichtlich nicht so leichtfiel, wie er glauben machen wollte. Seine Bewegungen waren nervös. Die unfreiwillige Doppelbödigkeit, die sich in seine Ansprache schlich, ließ die Erwartung immer wieder hochschnellen – so, wenn er feststellte: "Es geht letztlich um die grundsätzliche Einstellung des Bürgers zu unserem Staat." Fiel jetzt das Wort, "das ich meinen Kindern sagen kann", wie ein Vater hoffte? Nein, was folgte, war nur die Erinnerung an die "christliche Verantwortung" von zwei Parteien, "die sich nicht ohne Grund Schwesternparteien nennen". Am Ende kam fast Mitgefühl auf...

Ringen um Glaubwürdigkeit

Den einzigen Ausbruchsversuch aus der als "hoffnungslos" erkannten Situation wagte der redliche Theo Waigel, der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag. Als hätte er eigens einen Mörser auffahren müssen, um sein Ziel zu erreichen, donnerte er seine Verteidigungsrede für Richard Stücklen, den Parteifreund, in die Halle. Dem wegen mangelnder Geschicklichkeit beim Umgang mit zwei grünen Abgeordneten kritisierten Bundestagsvizepräsidenten wurde von Waigel tiefer Respekt für die Verteidigung von "Würde und Ehre des Parlaments" bezeugt. Bis zum "Glücksfall für dieses Parlament" stilisierte er ihn empor. Danach erübrigte sich jeder Zweifel. Selbst für Rainer Barzel versuchte Waigel eine Abwehr aufzubauen. Als ein Zuhörer im Arbeitskreis "über die geistigen Grundlagen unserer Politik" schüchtern nach dem Bundestagspräsidenten fragte, wehrte Waigel kühl ab: "Was hat er denn Böses getan?"