Von Friedhelm Gröteke

Kaum hatte um Mitternacht Raffaela Carrà, Italiens beliebteste Fernsehunterhalterin, ihre lieben Zuschauer auf dem nationalen Fernsehsender RAI I zu Bett geschickt, da schaltete sich auf der gleichen Frequenz ein Sender ein, dessen Programmtitel „Rotes Licht“ in aller Welt Eindeutiges bedeutet. Was da in vierzig Minuten jeweils illegal im Äther strampelte, war allerdings derart schockierender Porno, daß nicht nur die Pfarrer, sondern auch die Bürgermeister nach dem Auge des Gesetzes riefen. Achtzehn Gemeinden in der Po-Ebene nördlich von Mailand waren ein paar Monate diesen tieffliegenden Fernsehsendungen ausgesetzt. Dann hob eine Suchmannschaft den abartigen Ein-Mann-Betrieb aus.

Ein Fernsehsender, das zeigte dieser Fall, läßt sich mit einfachsten Mitteln als Hobby betreiben. Es erfordert nicht mehr Aufwand als etwa eine Jacht auf dem Gardasee. Die Versuchung, sich als Regisseur und Autor, Mime und Kommentator, Techniker und Werbekaufmann zu betätigen, ist groß, vor allem wenn die Behörden eines Landes wie Italien dazu grünes Licht geben.

Als der oberste Gerichtshof in Rom 1976 mit dem Urteil Nummer 202 entschied, daß Radio- und Fernsehübertragungen auf lokaler Basis und nach vorheriger Anmeldung von jedermann betrieben werden können, sofern dabei die Übertragung des Staatsfernsehens als Dienstleistung von nationaler Bedeutung nicht behindert und beeinträchtigt würde, setzte ein Run auf die freien Frequenzen ein. In kurzer Zeit entstanden ein paar tausend Radiosender und Hunderte privater Fernsehbetriebe vom Brenner bis Palermo.

Die Investitionen waren gering, zumal der Sendebetrieb durch den Äther und nicht über kostspielige Kanäle ging. Nicht nur die Amateure funkten los, was Cassette, Mikrophon und Kamera hergaben. Auch Parteien und Pfarreien, Pelzwarenhändler und Kaufhausketten, Vereine und Verlage – kurzum, wer immer Ideologie, Waren und Dienstleistungen verkaufen oder Prominenz erwerben wollte – stürzte sich auf das neue Medium.

Anfangs ging es kunterbunt zu. Per Fernsehen wurden echte Impressionisten versteigert, aber auch eklatante Fälschungen an den Mann gebracht. Als zu viel gestohlenes Geschmeide in den Fernsehversteigerungen in der Provinz auftauchte, verbot die Justiz derlei hochkarätige Unterhaltung. Auch die Shows, bei denen Hausfrauen zu später Stunde als Amateurentkleiderinnen auftraten und sich dabei den bei dieser Gelegenheit angepriesenen Pelz als Kuppelgut verdienten, wurden alsbald als allzu offenherzig untersagt.

Doch die Filmer wurden professioneller. Inserierte zunächst der örtliche Möbelhändler, der bisher Standbilder seiner Angebote in Kinos zeigen ließ, so kamen allmählich auch die Markenartikelhersteller auf den Gedanken, ihre Spots über das private Fernsehen frei Haus zu liefern. Die kleinen Sender fingen den Ball auf, indem sie sich rasch zu größeren Sende- und Werbegemeinschaften zusammenschlössen. Das gebündelte Angebot lockte, und der Zwang zur Kostendegression trieb zu immer enger verknüpften Fernsehnetzen.