Die deutsche Professorenschaft hat’s schwer: Rund sechs bis acht Wochenstunden müssen die Magnifizenzen Studenten ertragen (während des Semesters), unbegrenzt sollen sie wissenschaftlich produktiv sein (zwischendurch), und die Universitätsbürokratie fordert ja auch ihren Tribut (immerwährend). Zwar ist der harte Arbeitsalltag ganz nett dotiert, aber verständlich ist es schon, daß so mancher Wissenschaftler etwas Muße einlegt und sich alle zwei bis fünf Jahre eine Beurlaubung (zu besonderen, meist „forschungsdienlichen“ Zwecken) gönnt.

Einer hält dabei den einsamen Rekord: Professor Dr. phil. Nikolaus Lobkowicz sitzt bald 20 Jahre zwar nicht untätig, aber doch eigentlich fern seiner eigentlichen Berufung auf einem Lehrstuhl – ohne seine Studenten am Geschwister-Scholl-Institut der Münchner Universität zu betreuen.

1967 wirkte Lobkowicz, Aristokrat aus böhmischem Hochadel, als Professor für Politische Theorie und Philosophie an der Münchner Alma mater. Vier Jahre später ließ er sich zum Rektor der Ludwig-Maximilians-Universität wählen. Eigentlich, so erklärte der „weitläufige Katholik“ (FAZ) damals, hätte ihn die wissenschaftliche Arbeit mehr interessiert als ein Amt. Doch das Bitten und Drängen scheint kein Ende genommen zu haben, und so ging die Wahl, mit über 1000 Mann Polizeischutz für „Lobo“, im dritten Anlauf endlich über die Bühne.

Elf Jahre präsidierte Lobkowicz, regte schon frühzeitig eine „Eliteuniversität innerhalb der Massenausbildungsfabrik“ an und warnte vor einem Studium an der heillos überfüllten Münchner Uni, bis ihn 1982 Wulf Steinmann ablöste. Doch aus der wissenschaftlichen Arbeit des Hegel- und Marx-Spezialisten wurde wieder nichts. Jedenfalls nichts für die Studenten. Zwar hieß es Vorbereitungen zu treffen, um die Lehrtätigkeit wieder aufzunehmen. Doch Anfang 1984 wurde Professor Lobkowicz zum Präsidenten der katholischen Universität Eichstätt gewählt. Diesmal galt es, gleich sechs Jahre Urlaub vom Münchner Lehrstuhl zu nehmen.

Sein Geschwister-Scholl-Institut muß sich nun bis 1990 mit Vertretern bescheiden. Die dürften nach all den Jahren ja gut eingearbeitet sein. Vielleicht auch kommt Lobkowicz nie wieder. Wenn er von den Eichstättern 1990 wiedergewählt wird, gibt er seinen Lehrstuhl auf.

Vorher geht es nicht, denn die Magnifizenz ist zwar mit der geborenen Gräfin Maria Immakulata Josefine zu Waldburg-Zeil verehelicht, doch im Zuge der Gleichberechtigung will der Hochschullehrer nun einmal seiner Frau nicht auf der Tasche liegen. Eine vorzeitige Pensionierung scheint nicht in Frage zu kommen, und so bleibt die Beurlaubung für den 53jährigen Beamten eben eine „ganz nackte Existenzfrage“.

Dörte Schubert