Die zwei Skulpturen, die der amerikanische Künstler Robert Graham für die Olympiade ’84 in Los Angeles geschaffen hat, waren, wie wir alle im Fernsehen deutlich erkennen durften, glücklicherweise auch von einiger Komik: Auf den monumentalen dunkelgrauen Schwermetallkörpern fehlte nämlich der normalerweise zum Menschen dazugehörende Kopf. Ob Graham das ironisch gemeint hatte (was eher unwahrscheinlich ist, wenn man an sein seit einigen Jahren die klassizistische Attitüde zelebrierendes Werk denkt) oder nicht, spielt hier keine Rolle. Aber der Betrachter darf sich zu dieser physischen Überrepräsentanz bei gleichzeitiger Abwesenheit des als überflüssig angesehenen Kopfes seinen Teil denken.

Diese Skulpturen am Eingang des Olympiastadions sind so etwas wie ein Glücksfall (womit allerdings über die Qualität des Kunstwerks nichts gesagt ist), der freilich auch dadurch begünstigt wurde, daß es sich um einen positiven Anlaß, um die Ehrung des superlativisch strotzenden Lebens, handelte. Auch zu den triumphierenden Reitern wie Marc Aurel (der seit geraumer Zeit von seinem römischen Standplatz zu Reparaturzwecken verschwunden ist), Colleoni oder dem Großen Kurfürsten kann man ja bewundernd aufblicken (da man heute nicht mehr deren Untertan ist); und Goethe und Schiller kann man sogar (als sie gegossen wurden, ging es bei den Denkmalbestellern schon etwas aufgeklärter zu) neugierig ins idealisierte Antlitz schauen – welch eindrucksvolle Herren, wie gern würde man sie austauschen gegen manchen Zeitgenossen.

Wie aber funktionieren Denkmale und Monumente, wenn sie an Unrecht und Krieg, Tod, Verbrechen und Untergang erinnern sollen, wenn in die Erinnerung auch eine Mahnung, eine Hoffnung auf Nichtwiederholung eingeschlossen ist? Wenn ich an den Spielzeugsoldaten denke, der an der Straßengabelung eines 91-Köpfe-Dorfes in Schleswig-Holstein stellvertretend für seine Kameraden im Gleichschritt erstarrt ist, dann finde ich die Kuhherde, die gerade um die Kurve schwankt, sehr viel bedrohlicher als den Krieg von 1914/18. Aber wenn ich an die Herrenriege denke, die im dunklen Überrock und mit umwölkter Miene beim Staatsbesuch an das Grab des Unbekannten Soldaten tritt, und einer dann (der Gast) die Schleife am frischen Immergrünkranz zurechtrückt, dann möchte ich stellvertretend die Fernsehscheibe einwerfen. Denn diese gichtige Geste ist gerade angesichts der in Zahl und Namen anonymen Toten ein Akt der zum Zynismus gewordenen Unverbindlichkeit. Typisch auch hier die französische Art: Unter dem Triumphbogen errichtet, der seinerseits den Sieg von Austerlitz feiert, schwelt das Gedenkflämmchen.

Die Frage, ob man heute noch Mahnmale errichten kann und wie sie aussehen könnten (und vor allem: bestimmt nicht aussehen dürften), wurde jetzt auf einem Forum diskutiert, zu dem der Bund Deutscher Architekten (BDA) und der Kulturrat in Bonn eingeladen hatten. "Gedenken, Denken, Erinnern" hieß der Obertitel der Veranstaltung, den Unterbau und aktuellen Anlaß gab ein bizarres "Aide-mémoire", das der "Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge" im Zusammenhang mit seiner Forderung nach "Errichtung einer nationalen Gedenkstätte für die Kriegstoten des deutschen Volkes" 1983 publiziert hatte. Die Forderung des Volksbunds hat sich, in erweiterter Form, in diesem Jahr die Bundesregierung zu eigen gemacht, als sie die Errichtung einer nationalen Mahn- und Gedenkstätte beschloß.

Daß alle Bonner Regierungen es bisher versäumt hatten, über diese Frage nachzudenken, daß die Staats- und Regierungschefs von Adenauer bis Schmidt und von Heuss bis Carstens keine Initiative ergriffen haben, macht das Unternehmen, das nun vierzig Jahre nach Kriegsende begonnen werden soll, doppelt heikel. Braucht man nun, nachdem die Hutablagen standesgemäß installiert sind, auch eine angemessene Kranzablage?

Wer eigentlich baut ein Mahnmal und in wessen Namen, und welcher Menschen soll dort wie gedacht werden? Daß man heute offensichtlich nicht einmal mehr einer Person in der dritten Dimension zu gedenken versteht, haben die Schauer-Mäler für Heinrich Heine in Hamburg und Düsseldorf hinlänglich gezeigt (was allerdings nicht zuletzt daran lag, daß man sich für die voraussehbar falschen Künstler entschieden hatte). Wieviel schwerer ist es dann, eine pauschale Idee, die aus kollektivem Anlaß und Auftrag kommt, künstlerisch umzusetzen. In Berlin, wo in diesem Sommer ein Wettbewerb zur Gestaltung einer Gedenkstätte auf dem Trümmerareal des ehemaligen Prinz-Albrecht-Palais (hier hatten sich in der NS-Zeit die SS und Gestapo einquartiert) entschieden wurde, hat man das gerade erlebt: Für die "Stätte des Schreckens", die gleichzeitig auch als "Ort der Erholung" dienen soll, wurde von der Großskulptur des "Schreibtischmörders" bis hin zur Toteninsel alles nur Menschenunmögliche vorgeschlagen.

In Bonn aber gibt es, glücklicherweise, keine Orte, an denen, wie zum Beispiel in Berlin, Nürnberg oder gar Dachau, das Verbrechen so manifest und präsent war, daß die Existenz eines Mahnmals ohne lange Erklärungen begreiflich wäre. Ein Mahnmal oder eine Gedenkstätte in Bonn wäre einerseits nur die das Regierungsviertel komplettierende Kunst am Bau und andererseits die Inkarnation gesamtdeutscher Schuld.