„Primitivismus in der Kunst“ – eine spannende und überspannte Ausstellung des New Yorker „Museum of Modern Art“

Im Juni 1907 schlenderte Pablo Picasso in das ethnographische Museum des Trocadéro in Paris und sah dort Fetische und Stammesmasken. Hätte ihm jemand mit einem Bumerang auf den Kopf gehauen, der Effekt hätte nicht größer sein können. Diese Bilder prägten sich seinem Gedächtnis unmittelbar ein und formten, so sagte er, sein Denken über Kunst: „In diesem Augenblick wußte ich, was Malerei überhaupt ist.“

Stammeskunst türmte sich damals schon seit einigen Jahren in den Museen, zusammen mit Pfeil und Bogen, Schrumpfköpfen und Körben dort abgestellt von kühnen Forschern und Anthropologen, die aus Afrika zurückkamen. Aber erst am Ende des ersten Jahrzehnts unseres Jahrhunderts fingen Künstler an, diese Dinge mit dem gleichen Interesse zu sehen, das vorher griechischen Marmorskulpturen, mittelalterlichen Madonnen oder Heuhaufen bei Sonnenuntergang vorbehalten war.

Dieser neue primitive Einfluß führte in Picassos Fall dazu, daß er „Les Demoiselles d’Avignon“ neu malte, jetzt wild und ungezähmt, und damit den ersten großen Schritt hin zum Kubismus machte. Auch andere Künstler wurden stark von den „Primitiven“ (heute normalerweise in Anführungszeichen gesetzt, um deutlich zu machen, daß keine Geringschätzung beabsichtigt ist) beeinflußt. Und dieser entscheidende Einfluß auf die Kunst unserer Zeit ist jetzt Thema einer neuen Ausstellung im Museum of Modern Art (MoMA): Sie heißt „Primitivismus‘ in der Kunst des 20. Jahrhunderts: Affinität zwischen Stammeskult und Moderne“ und wurde vorbereitet mit Hilfe des imposanten 1,5 Millionen-Dollar-Zuschusses der Philip Morris Inc. und einigem Kleingeld der National-Stiftung für Kunst. Die Werbetrommel wurde kräftig gerührt: Man kann in diesen Wochen kaum ein Magazin in die Hand nehmen, ohne auf Anzeigen mit Photographien von knollennasigen, melonenförmigen Statuen zu stoßen. Und um acht Uhr morgens, gerade dann wenn wir uns nur schwer zwischen Käse und dänischer Marmelade entscheiden können, fordert der Werbetexter uns schon auf darüber nachzudenken, was denn nun „primitiv“, was „modern“ sei.

Erstaunlicherweise war die Beziehung zwischen moderner und Stammeskunst bisher kein Gegenstand schwergewichtiger Kunstbände oder langatmiger Vorlesungen. Das Thema war zwar kein Geheimnis, aber auch kein bis zum Überdruß durchgeknetetes Stück Geschichte. Jetzt ist es genau das geworden. Mit ehrfurchtgebietender Gründlichkeit haben der Direktor William Rubin und der Kunsthistoriker Kirk Varnedoe jede nur mögliche Fußnote verfolgt, jede Spur, jede Verbindung, jeden direkten Einfluß und jede potentielle Verwandtschaft. Das Ergebnis all dieser Anstrengungen sind nicht nur ein zweibändiger Katalog, sondern auch zahlreiche Ausstellungsräume, die angefüllt sind mit 150 modernen Stücken von Künstlern wie Henri Matisse, Max Ernst und Picasso. Diesen sind, oft provozierend, zweihundert Stammeswerke von anonymer Herkunft aus Afrika, Ozeanien und Nordamerika gegenübergestellt.

Erst als die Muse der Kunst, ähnlich den gekrönten Häuptern Europas, gebeugt von Alter und überflüssigen Konventionen langsam den Kopf hängen ließ, begannen Künstler Stammeskunst ernst zu nehmen. Die kräftig geschnitzten, erfindungsreichen Souvenirs vom dunklen Kontinent wirkten auf sie viel stimulierender als etwa ein verspäteter impressionistischer Sonnenaufgang an der Seine (was auch billiger war als nach Tahiti zu reisen um, wie Gauguin enige Jahre zuvor, dort den bürgerlichen Konventionen zu entfliehen). Auf Flohmärkten fand Picasso viele seiner afrikanischen Vorbilder. Heute können wir sehen, wie seine genialen Hände zum Beispiel eine westafrikanische Grebomaske in seine „Gitarre“ (Ende 1912) verwandelten: eine kubistische Assemblage aus Metallblech und Drähten. Finster stiert aus einer anderen Ecke Emil Noldes grausige Zeichnung einer Kopf-Trophäe. Direkt daneben steht mit exotischen Onrwärmern dekoriert der menschliche Schädel, der ihn auf seinen Wanderungen durch ein Berliner Museum 1911 zu Tode erschreckte.

Solche direkten Einflüsse sind natürlich recht selten, und die Beziehungen basieren viel öfter auf stilistischer Affinität und Mutmaßungen. Seite an dünner Seite stehen eine nervös abgemagerte „Große Figur“ von Alberto Giacometti und eine ähnlich lang gezogene Schnitzerei aus Tansania, die sich in einer Privatsammlung in Paris befand. Das Museum legt nahe, daß er sie gesehen hat. Nun, das heißt vielleicht den Bogen überspannen, aber ich denke, das Duo hilft dabei, uns zu erinnern, daß die radikale Verzerrung der menschlichen Gestalt seit Beginn unseres Jahrhunderts viele Impulse von der Stammeskunst empfing. Afrikanische Schnitzer betonten das, was für sie wichtig war: ein fruchtbarer Leib zum Beispiel, oder ein ungeheures Auge, in dem ein Gott wohnen könnte. Es waren diese Schnitzereien ohne jede Nähe zu westlichen Traditionen, die Künstler ermutigten, sich in zunehmend abstrakte Bereiche zu wagen.