Das Orwell-Jahr 1984 ist für die italienischen Modemacher längst Vergangenheit. Zwar schreibt die Mode für den kommenden Herbst und Winter der Damenwelt noch vor, sich als fahles Neutrum zu verkleiden. Doch was Boutiquen in aller Welt jetzt noch als den letzten apokalyptischen Schrei anbieten, kann man beim Aufleuchten der ersten Märzsonne 1985 getrost auf den Sperrmüll werfen; denn in normale Müllschlucker passen die überbreiten Schultern nicht hinein. Mailands Modemacher wollen, daß es in Zukunft wieder sinnenfroh zugeht. Am Po zeigt man wieder Po. Eng sitzende Röcke, ganz knapp und kurz – oder äußerst lang. Zwei kräftige Farben dominieren, in die eine dritte eingeblendet werden kann. Das ist der neue Sex-Appeal: Vorsicht Kurven.

Wenn alles so läuft wie auf dem Laufsteg der Mailänder Messe-Vorschauen, dann hat auch Italiens Modeindustrie wieder einmal, noch einmal die Kurve genommen und ihre Weltgeltung behalten. Ein paar tausend Unternehmen können mit Exporten für fünf Milliarden Mark in diesem Jahr und mit umgerechnet sechs Milliarden Mark Ausfuhr fürs nächste rechnen. Die Arbeit für 350 000 regulär Beschäftigte – und für ein Heer von Heimarbeitern – ist damit gesichert.

Wieder einmal haben Rosita und Ottaviö Missoni, Giorgio Armani, Anna Fendi und Gianni Versace, Gianfranco Ferré und Laura Biagiotti, die deutsche „Toscanerin“ Regina Schrecker, Krizia alias Mariuccia Mandelli, Mario Valentino und ein paar andere gezeigt, was sie als Zugpferde der italienischen Modeindustrie bedeuten.

Dabei geht es längst nicht mehr allein um Textilien, um „Fetzen“, sondern um einen Stil: Italiens Designstrategen und Industrielle habe es darauf abgesehen, den ganzen Menschen von Kopf bis Fuß in Produkte einzuhüllen, die nicht nur aufeinander abgestimmt sind, sondern auch die Lebenshaltung des Landes widerspiegeln, in dem sie hergestellt werden. Man braucht nicht unbedingt zu wissen, daß der Weltstrickwarenmeister Bissoni auch Strümpfe herstellt (Malerba), die richtige Brille (Marke Soy) zum Pullover liefert, das Parfüm dazu (Orlane) nicht vergißt und auch Handtaschen und Gürtel bereithält (Sergio Lin).

Mit der Produktion von Heimtextilien, Möbeln und Wandteppichen geht Missoni sogar noch einen Schritt weiter. Armani schockte die Parfümzitadelle Paris, als er dort sein erstes eigenes Riechwasser vorstellte. Versace entwirft Kostüme für die Scala. Benetton kaufte die Aktienmehrheit der erzkonservativen Schuhfabrik Varese, eine Art italienischer Bally, warf das gesamte alte Sortiment mit mehreren Millionen Mark Verlust hinaus und produziert nun auch dort seinen bunten Stil. Andere Modemacher leihen zumindest ihre Handschrift für Produkte, die mit Körperverhüllung oder -enthüllung nichts mehr zu tun haben und streichen dafür Lizenzen ein. Diversifizierung heißt die Parole.

„Nun muß man sich fragen: Ist dieses Gerede über ständig neue Initiativen auf anderen Gebieten ein Zeichen für Erfolg oder schon ein Alarmsignal?“, erfährt man in Mailand. Und dann wird aufgezählt, daß Missoni bei der Musterung für Frühjahr und Sommer 1985 nichts Neues zu bieten hatte (allerdings zieht die Missoni-Masche auch besser für den Winter), daß Armanis Oversize-Blazer allmählich langweilen, daß die Verarbeitung von Produkten, für die Italiens Modekönige ihren Namen geben, zuweilen sehr zu wünschen übrig läßt, daß die wirklich avantgardistische Mode in Japan gezeigt wird, daß Frankreich verlorenes Terrain aufholt und die deutschen Modemacherinnen allmählich eine ernsthafte Konkurrenz werden; zumindest für den Absatz in der Bundesrepublik. Und das ist dann wirklich ein Alarmsignal: Immerhin nimmt Deutschland, der größte Kunde, mehr ab als Frankreich und die USA als Zweiter und Dritter zusammen. Wackelt Italiens Weltgeltung als Modeexporteur Nummer eins?

Diese Frage wird jetzt häufig gestellt. Die italienische Industrie, die jahrelang ihre Preise weit stärker erhöhte als es der Inflation entsprochen hätte, neigt auf einmal zur Vorsicht: Für die nächste Sommersaison sind fünf Prozent Aufschlag genug und die Höchstforderungen liegen bei zehn Prozent. Die Qualität der mittleren Ware wird durch Nutzung aller automatischen Produktionsvereinfachungen gesteigert. Gleichzeitig hat die Produktivität erheblich zugenommen. Zumindest in Nord- und Mittelitalien wird die pünktliche Lieferung angestrebt.