Wolfgang Schieren regiert den Allianz-Konzern souverän

Von Hermann Bößenecker und Hans Otto Eglau

Wenn die zwanzig Mitglieder des Aufsichtsrates der Allianz Versicherungs-AG am 10. Dezember zu ihrer nächsten Sitzung in München zusammenkommen, wird Vorstandschef Wolfgang Schieren die Runde mit nebulösen Andeutungen über gewisse „Vorprüfungen“ vermutlich kaum mehr zufriedenstellen.

Bewußt unscharf hatte der Versicherungsboß seine Kontrolleure in einem am 18. August abgeschickten Brief informiert, nachdem an der Börse Gerüchte über einen bevorstehenden Umbau der führenden deutschen Assekuranzgruppe den Kurs der Allianz-Aktie in die Höhe getrieben hatten. Immerhin wußte der Absender schon soviel mitzuteilen, daß für eine Höherbewertung seines Konzerns nicht der geringste Anlaß bestünde.

Inzwischen pfeifen es die Spatzen von den Dächern rund um die Allianz-Zentrale in der am Englischen Garten gelegenen Königinstraße, daß Schieren im vierzehnten Jahr seiner Amtszeit unter Hochdruck an der Umstrukturierung seines Imperiums arbeitet. Ziel der Operation ist es, das Flaggschiff der deutschen Versicherungswirtschaft im internationalen Konkurrenzkampf schneller und beweglicher zu machen. Im Klartext heißt das: Der Allianz-Chef möchte die Bereiche, in denen er von der Sache her ohne die Kontrolle der Berliner Versicherungsaufsicht auskommt, gern in einer eigenen Gesellschaft verselbständigen.

Die zum Schutz der Versicherten gesetzlich vorgeschriebenen Kontrollen bringen es mit sich, daß Schieren selbst bei Finanzanlagen mit den staatlichen Aufpassern ebenso mühsame und zeitraubende Verhandlungen führen muß. Da Versicherungen grundsätzlich keine Bankkredite aufnehmen dürfen, sind sie – solange alles unter einem Dach ist – auch bei den der Aufsicht nicht unterliegenden Transaktionen im Nachteil.

Für die Allianz-Gruppe ist die von Schieren in Gang gesetzte Strukturreform ein epochaler Schritt in die Zukunft. Aus heutiger Sicht ist es daher eher unwahrscheinlich, daß der Konzernchef seinem Aufsichtsrat noch in diesem Jahr ein fix und fertiges Konzept präsentieren kann. Zwar befaßt sich mit dem zur geheimen Kommandosache erklärten Projekt eine eigens zu diesem Zweck eingesetzte Arbeitsgruppe. Doch ohne Klärung der schwierigen steuerlichen Fragen mit den Finanzbehörden, vor allem jedoch ohne die Zustimmung des Versicherungsamtes, dürfte Schieren schwerlich schon sämtliche Karten auf den Tisch legen können.