Von Rolf Zundel

Ein Stück weit ins Ungewöhnliche muß man sich schon vorwagen, um Karlfried Graf Dürckheim zu beschreiben. Und so mag denn – als Beispiel für die schwierige Annäherung an eine solche Gestalt – eine Geschichte aus der Sufi-Literatur am Anfang stehen, eines jener vertrackten Zeugnisse mohammedanischer Mystik. Ein Derwisch aus der konservativen Schule, eifrig im Dienste seiner Religion, bedacht auf die richtige Form, ging eines Tages am Wasser entlang. Da hörte er von einer Insel den Derwisch-Ruf – nur leider falsch intoniert. Der Derwisch ruderte mit einem Boot zur Insel, traf einen alten Mann und belehrte ihn über seinen Irrtum. Auf der Rückfahrt war er sehr mit sich zufrieden, er hatte ein gutes Werk getan. Und lautete die Verheißung nicht, daß, wer den Derwisch-Ruf richtig zu intonieren vermöge, sogar auf dem Wasser wandeln könne?

Von der Insel kam wiederum der Ruf – und abermals falsch. Der Derwisch erging sich in Betrachtungen über die Dauerhaftigkeit menschlichen Irrtums, als er plötzlich eine Figur übers Wasser schreiten sah. Er hielt inne mit Rudern, der alte Mann kam zu ihm und fragte bescheiden, ob der Derwisch den Ruf nicht noch einmal wiederholen wolle, ihm fiele es schwer, die richtige Tonfolge im Gedächtnis zu behalten.

Nein, leicht ist mir die Begegnung mit Dürckheim nicht gefallen. Da gab es ungefähr ein Dutzend Bücher von ihm, die alle mehr oder weniger um ein Thema kreisten: Das "Innewerden des Wesens", populärer ausgedrückt: "Wie kommt der Karlfried durch den Dürckheim durch?" Diese Mischung aus Mystik und Wort zum Sonntag, in etwas zuviel Wiederholungen herabrieselnd wie eine endlose Flut; die Menschen, die von ihm erzählten: wenn sie nicht in Gefühlen der Verehrung schwelgten, waren sie auf seltsame Weise sprachlos, fanden immer nur das eine Wort "Präsenz" – was sollte ein in protestantischer Religionsdürre und sachgerechtem Denken Aufgewachsener damit anfangen? Was mit einem Mann, der ohne Umschweife berichtete, wie er als Vierundzwanzigjähriger ein Satori-Erlebnis hatte, wie im Zen-Buddhismus die Erleuchtung genannt wird.

Beim Hören des 11. Spruchs aus Laotses Taote-king – "Dreißig Speichen treffen die Nabe, aber das Leere erwirkt das Wesen des Rades, aus Ton entstehen Töpfe, aber das Leere in ihnen wirkt das Wesen des Topfes" – da geschah es: "Der Vorhang zerriß, und ich war erwacht. Ich hatte Es erfahren."

Ich konnte mir nur zu gut vorstellen, wie ein Besucher, der von ihm mit der Frage empfangen wurde: "Haben Sie schon einmal Seinsfühlung gehabt?", auf innere Distanz ging. Und dennoch: ich habe niemanden erlebt, der durch die Therapie im Schwarzwalddorf Rütte ging und nicht angerührt wurde, betroffen noch im Aufbegehren. Und manche waren wohl – das überständige Wort ist da am Platze – verwandelt.

Auf zwei Lebenswegen ist nach Rütte gebracht worden, was heute die Institution der "Existentialpsychologischen Bildungs- und Begegnungsstätte Todtmoos-Rütte" ausmacht: auf dem einen kam Graf Dürckheim, auf dem anderen Maria Hippius. Spannungslos ist ihr Verhältnis heute noch nicht, obwohl sie beide inzwischen ein biblisches Alter erreicht haben. Nicht weil sie unverträgliche Charaktere wären, sondern weil sie verschiedene Prinzipien verkörpern. "Sie schenkten sich nichts", so drückte es, etwas salopp, einer ihrer Mitarbeiter aus.