Die Computer-Kriminalität entwickelt sich zur "bedrohlichsten Straftat des Jahrhunderts"

Von Wolfgang Hoffmann

Der Schaden, den Wirtschaftskriminelle Jahr für Jahr anrichten – mindestens zwanzig Milliarden Mark – wird in der Öffentlichkeit unterschätzt und auch von der Justiz oft verharmlost (ZEIT Nr. 41/42). Dabei steht der Staat unter den Opfern an erster Stelle (ZEITNr43). Daß der Computer den Kriminellen im Nadelstreifenanzug ganz neue Betätigungsfelder mit riesigen Profiten eröffnet, schildert die letzte Folge.

Immer wenn Dany Dattel, Devisenhändler der Kölner Pleite-Bank Iwan D. Herstatt, an seinem Devisenroulette stand, wurde der Kleincomputer der Devisenabteilung ausgetrickst. Mitarbeiter der Devisenabteilung drückten eine bestimmte Taste und vertuschten damit, was dem zur Gegenkontrolle angeschlossenen Zentralrechner ansonsten gar nicht entgehen konnte und auch nicht sollte: unerlaubte Devisenspekulationen in Milliardenhöhe.

Dany Dattel, heute wegen Verjährung etwaiger Straftaten ein freier Mann, gehört zu jener erfindungsreichen Gruppe von Leuten, von denen Bonns Innenstaatssekretär Siegfried Fröhlich sogar mit einer gewissen Hochachtung spricht: "Ihr Erfindungsreichtum wäre bewundernswürdig, wenn er einem besseren Zweck dienen würde."

Fröhlich indes ist Realist und weiß, daß die Schläue der Wirtschaftskriminellen nicht nur schlechten Zwecken dient, sondern meist auch so ausgeprägt ist, daß die Täter nicht einmal zu fassen sind. "Wir können in der Regel nur reagieren", meint der Staatssekretär und folgert: "Die Verhaltensweisen der Wirtschaftsstraftäter werden auch in Zukunft immer wieder neue gesetzliche Maßnahmen erforderlich machen." Das heißt: Die Täter sind dem Staat immer einen Schritt voraus.

Der Deutsche Bundestag ist gerade wieder einmal dabei zu reagieren. Im Rechtsausschuß des Parlaments werden neue strafgesetzliche Maßnahmen gegen den Erfindungsreichtum der Kriminellen im weißen Kragen beraten, nämlich das Zweite Gesetz zur Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität. Während das Strafgesetzbuch von 1871 beinahe hundert Jahre ausgereicht hat, um Betrüger aus Unter- wie Oberwelt recht und schlecht abzuurteilen, gab es Mitte der siebziger Jahre das "Erste Gesetz zur Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität". Viele Wirtschaftskriminelle waren nämlich mit den alten Normen nicht mehr zu fassen, sondern fielen durch die Maschen der Gesetze. Aber auch dieses nicht einmal zehn Jahre alte Sonderstrafrecht reicht nun nicht mehr. Binnen weniger Jahre ist eine völlig neue Kategorie von Kriminellen auf den Plan getreten – der Straftäter am Rechner. Die sogenannte "Computerkriminalität" macht mehr und mehr Schlagzeilen.