/ Von Otto Lorenz

Im Sog der Umweltdiskussion ist ein literarisches Genre wieder aktuell geworden, das lange Zeit in keinem guten Ansehen stand, das Genre der Naturdichtung. Vor allem in den sechziger und siebziger Jahren galten Autoren, die sich intensiv mit der Natur befaßten, als weitabgewandte Poeten ohne Geschichtsbewußtsein und Engagement im politischen Tagesgeschehen.

Jetzt, da kranke Wälder und verschmutzte Gewässer die Frage des Umgangs mit der Natur zu einem Politikum machen, erscheint die vermeintlich unpolitische Haltung der Naturlyriker in neuem Licht. Naturlyrik kann als Modell für einen fürsorglichen Umgang des Menschen mit der Natur gelesen werden und damit als ein Korrektiv gegenüber dem wissenschaftlich-technischen Zugriff auf die Ressourcen der natürlichen Welt.

Zwei Gedichtsammlungen tragen mit Dokumenten zur Geschichte der deutschen Naturlyrik dazu bei, alternative Formen des Naturumgangs ins Blickfeld zu rücken.

Edgar Marschs kleine Anthologie, „Moderne deutsche Naturlyrik“, versucht die literarische Parteinahme für eine natürliche Umwelt mit Gedichten aus den letzten sechs Jahrzehnten zu belegen. Von Carossa bis Theobaldy sind, in chronologischer Reihenfolge, Autoren der nachexpressionistischen Sachlichkeit vertreten, Meister der naturmagischen Schule ebenso wie Apologeten des nüchternen zeitkritischen Protokolls.

Natürlich ist die Beschränkung auf einen so knappen Zeitraum problematisch. Und gewiß sind die Auswahlkriterien subjektiv. Viele wichtige Autoren fehlen, die zum Kreis der repräsentativen Naturlyriker der Gegenwart gehören: Erich Arendt, Rose Ausländer, Gottfried Benn, Rolf Dieter Brinkmann, Hans Magnus Enzensberger, Helga M. Novak. Auch sucht man vergebens nach einigen schon kanonisch gewordenen Texten (Brechts „An die Nachgeborenen“, Celans „Ein Blatt“ und „Fadensonnen“, Lehmanns „Heile Welt“ und „An meinen ältesten Sohn“, Loerkes „Laubwolke“).