Von Ursula Voß

Photographieren heißt, mit Licht schreiben. Doch die Fülle der Bilderschauen zur Industriemesse „photokina“, weit davon entfernt, ein schon fast zum Wegwerfobjekt herabgewürdigtes Produkt aufzuwerten, macht der Lichtkunstschrift eher den Garaus. Ohnehin stellt das Zeitalter der visuellen Kommunikation nicht mehr die Frage nach dem Aufzeichnenswerten. Goethes ästhetisches Dogma, „alles Talent sei verschwendet, wenn der Gegenstand nichts tauge“, erfährt ironische Umkehr in der modernen Lichtbildnerei: Ein Milchspritzer, Gabelzinken am Tellerrand, Wespentaillenkorsetts im Schaufenster – drei klassische Zitate aus der Sammlung Gruber, deren Präsentation das herausragende Ereignis dieses Monats der Photographie ist.

Aussagekräftig, gewiß, und bildwirksam auch – aber Kulturmetapher? Oder doch nur Geschicklichkeitsbeweis im Umgang mit der Camera obscura? So wie einst das Licht und Schatten so virtuos bannende Medium gegen die Malerei antrat, die sie in der Auffassung des Sujets und seiner Wiedergabe imitierend noch zu übertreffen suchte (kam nicht Lartigue von Béraud, Kühn von Thoma?), nimmt heute die künstlerische Wirkung mit dem Grad der technischen Perfektion ab.

Wie sehr gerade die Beseeltheit früher Fixierungen eines einzigen Splitters aus einem unendlichen Spektrum uns bewegt und wie kühl uns photographische Artistik läßt (mag sie noch so sehr den Kitsch à la Szekessy als Stimulans bemühen) – dagegen muß nicht erst die Sammlung Gruber den Beweis führen. Mit 1054 Positionen bildete sie 19 77 den Grundstock für die Photosammlung des Kölner Museums Ludwig, die inzwischen durch Grubers Stiftungen in den Jahren 1979, 1983 und 1984 auf 1255 Arbeiten von 173 Photographen erweitert wurde.

Die 279 erlesenen Blätter, nicht unter Themen-Etiketten gehängt, sondern nach „Schönheit“ ausgesucht, belegen die Hauptströmungen seit der wende zum 20. Jahrhundert mit den großen stilbildenden Meistern von Atget bis Weegee; Schwerpunkte bilden Vergrößerungen aus den zwanziger und fünfziger Jahren. Sie spiegeln ihre Zeit, aber auch die Persönlichkeit des Sammlers. L. Fritz Gruber, geboren 1908, „Mister photokina“, Honorary Fellow der Royal Photographic Society und Honoraire Excellence de la Federation nationale de l’Art Photographique, ist Träger ungezählter, auch internationaler Auszeichnungen und Ehrungen für Verdienste auf dem Gebiet des visuellen Mediums.

Organisator der künstlerischen Bilderschauen zur photokina-Wirtschaftsmesse (von 1950 bis 1980), hat er doch selbst kaum auf den Auslöser gedrückt. Als Initiator der Deutschen Gesellschaft für Photographie und deren Vizepräsident ehrte er jetzt den neunzigjährigen Jacques-Henri Lartigue bei der Kulturpreisverleihung der Deutschen Gesellschaft für Photographie. Die vierzig Impressionen des amateur par excellence aus den Jahren 1915-1931 lassen in ihrer schwebenden, köstlichen joie de vivre an die Chansons von Chevalier denken (im Studio Dumont bis 28.10. zu sehen).

Gruber erlernte die Malerei unter Tom Prikker, studierte dann Philosophie, Kunst- und Theaterwissenschaft, Germanistik und Völkerkunde. Journalistische Tätigkeit mit antinazistischer Tendenz zwang ihn 1933 zur Emigration nach England, wo er sich ganz dem statischen Bild verschrieb. Der Werbe- und Photokopiefachmann sah seinen Namen gedruckt in „Modern Photography“ und „Modern Publicity“. Ein zufälliger Heimatbesuch 1939 ließ ihn den Zweiten Weltkrieg auf deutschem Boden erleben. Jede publizistische Tätigkeit war ihm verboten, Mikrokopie und Reproduktionsarbeiten hielten ihn über Wasser. Geblieben War die Liebe zum Kleinbildabzug, eine erschwingliche Kuriosität schon für den Studenten. Die Sammlung füllte eine Zigarrenkiste. Der Blick schulte sich an den zeitgenössischen Lichtbildnern; Gruber rettete Hugo Erfurths „holbeinische Porträts“ vor den Bomben.