Das gibt es wohl nur in der Kunst: einen Mann, der sich Revolutionär nennt und König zugleich, ohne daß die Massen aufstünden und ihn steinigten. Statt dessen sitzen sie im Parkett und auf den Balkonen, jubeln, trampeln, applaudieren wie wild und feiern einen Mann, der mit soldatischer Strenge auf der Bühne steht und den Beifall zackig wie ein Sporttrainer an sein Ensemble weiterreicht. Astor Piazzolla ist da.

Als „Höhepunkt der Tango-Welle“, die schon seit ein paar Jahren besonders Frankreich und die Bundesrepublik überspült, wird der 63jährige Argentinier bei uns angekündigt. Endlich kommt der König des Tangos Nuevo, der Revolutionär des alten Tango als Schaumkrone auf einer Welle herangeschwommen, die sich doch schon irgendwo in der jüngeren Vergangenheit gebrochen hat – denn Tango, ist das nicht (fast) schon wieder passé?

Aber bei Astor Piazzolla ist das anders. Schließlich ist er ein Meister, und Meister brauchen keine Moden. Sie schaffen Trends, mit denen andere später berühmt werden, und sind auf die kurzfristige Aufmerksamkeit einer neuigkeitssüchtigen Öffentlichkeit weniger angewiesen. Natürlich profitieren auch sie von der vorübergehenden Vorliebe des Publikums und der Cleverness ihrer Promoter, die sie als die „einzig wahren“, die „authentischen“ Künstler präsentieren.

Ohne Astor Piazzolla wäre der Tango in der Tat nicht das, was er heute ist. Denn Piazzolla war der erste argentinische Musiker, der den Tango aus dem Milieu der Bordelle, der Hafenkneipen am Rio de la Plata und der Tristesse der Stagnation herausgeführt hat. In Buenos Aires wird ihm das kaum gedankt. Er wird nicht müde zu erzählen, wie notwendig die künstlerische Weiterentwicklung für den Tango gewesen sei, wie aussichtslos es aber auch heute noch sei, selbst fortschrittliche Künstler, Maler, Literaten mit ihr anzufreunden. „In Argentinien darf man alles tun“, sagt er, „bloß am Tango darf keiner rühren. Da sind die Argentinier hoffnungslos konservativ. Es grenzt an Nekromanie, mit welcher rückwärtsgewendeten Inbrunst sie an den alten Formen des Tangos festhalten.“

Von dieser Totenliebe zur Musik von vorgestern ist sogar, glaubt man einer Anekdote, die Piazzolla gern zum besten gibt, der große Schriftsteller Jorge Luis Borges befallen. „Weil er Tango hören wollte, nahm ein Freund ihn mit zu einem Konzert meines Quintetts“, erzählt Piazzolla, „aber nach einer halben Stunde ist er aufgestanden und gegangen. Dem Freund hat er später vorgehalten: ‚Du wolltest mich zu einem Tango-Konzert mitnehmen. Ich habe keinen Tango gehört!‘“

Was hat Piazzolla denn mit der Musik seiner Heimat angestellt, daß sie von fast allen seinen Landsleuten so einhellig abgelehnt wird, gleichzeitig aber stilbildend für die nachfolgenden, oft im Exil lebenden und nur im Ausland anerkannten Musiker geworden ist? Er war ja jahrelang das Hätschelkind der musikalisch gebildeten Kreise, Preisträger in jungen Jahren und Stipendiat renommierter Konservatorien, ein junger Komponist, der zu den höchsten Hoffnungen Anlaß gab.

Aber die Musik, mit der er seine frühen Erfolge hatte, war nicht die Musik seiner Heimat. Vielmehr eiferte er europäischen Komponisten nach und hielt sich für einen genialen Schöpfer dessen, was man „Moderne E-Musik“ nennen könnte. Erst Mitte der fünfziger Jahre besinnt er sich auf die Musik seiner Kindheit, den Tango, für dessen bescheidenes musikalisches Vokabular sich der ehrgeizige Piazzolla immer geschämt hat. Nadia Boulanger, die ihn in Paris zu ihrem Schüler erwählt, stößt ihn geradezu mit der Nase in die Klangwelt, die er mit seinem Bandoneon lebendig machen konnte, und fordert ihn auf, seine künstlerische Energie künftig auf diese Musik zu konzentrieren. Er gehorcht, zunächst perplex, daß eine so angesehene Musikpädagogin den Tango nicht für anrüchig undindiskutabel hält.