Hörenswert

„Simon Estes – Richard Wagner“. Eigentlich wollte er Mediziner oder Psychologe werden, aber über den Universitätschor wurde seine Stimme entdeckt. Inzwischen streiten sich in Bayreuth und Berlin zwei Gemeinden darüber, ob Simon Estes ein Wagner-Sänger sei oder nicht. Was auf der Festspielbühne wie in der Deutschen Oper in der Distanz zur Bühne unscharf wird, kann die Schallplatte mühelos präzisieren: die Entdeckung der lyrischen Anteile in den sonst doch eher heldisch-dramatisch verstandenen Rollen des Holländers, des Wotans, des Amfortas’. Es ist nicht nur der Ausdruck von Resignation und Weltentsagung, von Ratlosigkeit und stillem Trotz, der sich in den klagenden und besonnenen Linien, in dem zögernden Espressivo, in der Scheu vor dem großen markanten Stentorton äußert, sondern eine tiefe menschliche Anteilnahme, ein ehrliches Mitfühlen, ein inneres Engagement für die Position des Dargestellten. Simon Estes kann überzeugend vorführen, daß die großartigen Interpretationen eines Hans Hotter, Dietrich Fischer-Dieskau, Thomas Stewart nicht die allein denkbaren sein müssen, daß die Gebrochenheit der Figuren sich auch in fast belcantistischen Entwicklungen und doch wieder rauhem Timbre zu äußern vermag. (Eva-Maria Bundschuh, Brünhilde/Hein Reeh, Titurel/Staatskapelle Berlin, Leitung: Heinz Fricke; Philips/VEB Deutsche Schallplatten, 412 271.) Heinz Josef Herbort

Monika Linges Quartett: „Soneing“. Nach „Floating“, dem geglückten Debütalbum, ist dies nun die zweite Schallplatte dieser temperamentvollen, auffallend musikalischen Frau. Sie hat alle Stücke komponiert, an allen ist sie als Sängerin beteiligt: als Jazzsängerin. Gleich beim ersten Stück fällt die Offenheit, wenn nicht Fröhlichkeit ihrer mädchenhaften Stimme auf. Man spürt, daß es ihr Spaß macht und daß sie eins ist mit sich und ihren offensichtlich enthusiasmierten drei Mitspielern, dem Pianisten Andy Lumpp, dem Bassisten Bert Thompson, dem Schlagzeuger Gerd Breuer. Sie machen einen schwungvollen Jazz; er ist – nicht nur beim Walzer und der Samba – tänzerisch, man „geht mit“ – doch die Gleichartigkeit der Melodiebildung, des stimmlichen Ausdrucks, des Klangcharakters lassen einen beim Zuhören manchmal ermüden, jedenfalls auf der ersten Seite. Die zweite enthält eine Suite, deren fünf Sätze sich um eigene Charaktere bemühen. Es gibt darin sehr originelle Passagen, vor allem in den beiden kurzen und im letzten Satz. Jedoch, besonders hier beschleichen einen bald Vergeblichkeitsgefühle, weil der (gesungene) Text oft nicht zu verstehen ist. Man möchte ihn aber, da er wichtig scheint, wenigstens (mit-)lesen können. (Nabel-Records Nbl 8415; Matthiashofstr. 31,5100 Aachen.)

Manfred Sack