Von Helmut Dahmer

Daß Menschen an Erinnerungen leiden können (und daraus möglicherweise somatische Krankheiten ohne organischen Befund resultieren), war die Entdeckung Sigmund Freuds. In den gemeinsam mit Joseph Breuer verfaßten „Studien über Hysterie“ (1895), der ersten psychoanalytischen Neurosenlehre, heißt es formelhaft: „Die Hysteriker leiden an Reminiszenzen.“ Bei diesen „Reminiszenzen“ handelt es sich um Szenen der Lebensgeschichte, die für das Individuum, das sie erlebte, so belastend, verstörend, kränkend waren, daß es keinen anderen Ausweg fand, als „nicht mehr daran zu denken“, nicht mehr mit den an die traumatische Szene gebundenen Affekten sich im Nacherleben zu quälen, also zu versuchen, die ganze Geschichte loszuwerden, ihr den Realitätscharakter zu nehmen, sie zu irrealisieren. Freuds Terminus für solche Versuche, etwas real Erfahrenes nachträglich zu irrealisieren, lautet „Verdrängung“. Die Verdrängung kommt dadurch zustande, daß die Erinnerung der belastenden Szenen von den an ihnen haftenden Affekten getrennt wird und daß die affektlos gewordene Vorstellung durch sprachliche Bedeutungsverschiebung nach Möglichkeit gegenüber der traumatischen Szene, die sie eigentlich repräsentiert, neutralisiert wird. Bedeuten dann in den Kommunikationen dessen, der ein Stück seiner Vergangenheit irrealisieren muß, bestimmte Schlüsselworte nicht mehr das, was sie üblicherweise bedeuten, und avancieren im Gegenzug „harmlose“ Worte zu Reizworten, weil sie von der Bedeutungsverschiebung mitbetroffen sind, so müssen die ehemals an die traumatisierende Szene gebundenen Affekte fürderhin unter falscher Flagge auftreten. Angst, Wut, Liebe und Haß werden an neuen Szenen und Vorstellungen gebunden, auf sie verschoben, und imponieren nun als „disproportional“. Die von Traumen betroffenen Menschen leiden also nicht eigentlich an ihren Erinnerungen, sondern daran, daß sie dieser nicht mächtig sind, daß sie der Vergegenwärtigung des Vergangenen und der Gegenwart und Vergangenheit gleichermaßen ins Spiel bringenden Auseinandersetzung nicht fähig sind. Das Leiden ist ein Leiden am Nichterinnern, ein Leiden an Amnesie. Und was an Stelle der traumatischen und darum der Amnesie verfallenen Vergangenheit ihr Leben in der Gegenwart verstört, sind Erinnerungs-Surrogate, Pseudoerinnerungen oder – mit einem anderen Freudschen Ausdruck: „Deckerinnerungen“. Die Erinnerungslücken werden durch Erinnerungssurrogate verdeckt. Und wenn „Identität“ bedeutet, seiner Vergangenheit gewiß zu sein, so bedeuten partielle Idealisierungen der eigenen Vergangenheit so viel wie Identitäts-Defekte.

Die Unmöglichkeit, sich in der eigenen Vergangenheit zureichend zu orientieren, setzt sich fort in Defiziten der Gegenwartsorientierung und -bewältigung. Die Gesellschaft insgesamt besteht aus den in bestimmter Form vergesellschafteten Individuen; sie sind die – wie auch immer widerstrebenden – Träger der Institutionen. Darum können wir – innerhalb gewisser Grenzen – von den individualpsychologischen auf kollektiv-psychologische Verhältnisse schließen. Die sozialpsychologische Basis der zweiten deutschen Republik läßt sich als kollektive Amnesie beschreiben. Millionen von Menschen hatten – auf der „Flucht vor der Freiheit“, wie Erich Fromm diagnostizierte – 1933 auf die nationalsozialistische „Volksgemeinschaft“ gesetzt. Sie liehen der faschistischen Partei und ihrem Führer Stimmen und Fäuste, marschierten über die durch den Versailler Friedensvertrag festgelegten Grenzen und dann weiter bis zum Atlantik, bis nach Afrika und bis vor Lenin- und Stalingrad. Den Sieg der Alliierten erlebten diese Millionen dann als einen „Zusammenbruch“, also als ein kollektives Trauma. Sie hatten auf das falsche Pferd gesetzt; die Herrenmenschen-Mordgemeinschaft hatte verloren. Und die Reaktion darauf war ein kollektiver Versuch, das in den zwölf Diktaturjahren Erlebte „auszulöschen“, so zu behandeln, als sei gar nichts geschehen, als sei eigentlich keiner dabei- oder überhaupt dagewesen. Die Geschichte der Verschleppung von Prozessen gegen Kriegsverbrecher und Akteure der vom SS-Staat in Gang gesetzten Verfolgungs-, Folter- und Ausrottungskampagnen, die Geschichte der Versuche, die Richter des „Volksgerichtshofs“ vor Gericht zu bringen, die Geschichte der im Besitz ausländischer Regierungen befindlichen Akten über von Deutschen begangene Untaten, die bei uns keiner wollte, die Geschichte des „Document Center“ in Berlin, die Geschichte der Entschädigungsverfahren für Opfer des NS-Regimes, schließlich die Geschichte der Weiterverwendung von Dienern des Hitler-Staats im Staat der Bundesrepublik bezeugen das eindeutig.

Eben erst wurde ein erstes Denkmal für vom Nazistaat ermordete Zigeuner eingeweiht – in Österreich. Die Rehabilitierung von Opfern des Regimes (zum Beispiel der Geschwister Scholl) blieb zweideutig, ihre Ehrung war meist schwer durchzusetzen (man denke an Carl von Ossietzky). Die deutsche Nachkriegsamnesie wurde schon früh von aufmerksamen Beobachtern registriert. In den Tagebüchern des 1950 aus der amerikanischen Emigration nach Wien zurückgekehrt ten Günther Anders zum Beispiel lesen wir (unter dem Titel „Die Schrift an der Wand“ 1967 publiziert): „Seit Monaten bin ich nun hier. Aber in keinem Gespräch habe ich den Namen ‚Hitler‘ gehört (...) Ominös scheint mir das (...) Daß sie ihren Gott und ihren, diesem Gott geweihten, Lebensabschnitt einfach vergessen haben könnten, ist ja nicht möglich. Noch nicht einmal hoffen kann ich das: denn solche Vergeßlichkeit wäre ja fast noch erbärmlicher als die Tatsache, daß sie sich einem solchen Manne geweiht hatten (...) Aber wenn man bedenkt, daß die hiesige Bevölkerung aus den Schlägern von gestern und den Geschlagenen von gestern besteht, ohne daß man dem einzelnen je ansehen könnte, welcher der zwei Gruppen er zugehört hatte; daß sie in der Stadtbahn nebeneinander sitzen oder gar einander Platz machen; daß der ehemalige SA-Mann, zur Zeit Kellner, zum gestrigen Konzentrationär, zur Zeit Gast, ‚danke ergebenst, Herr Doktor‘ sagt; daß der Verprügelte dem Prügler die Ladenkasse führt; und daß, wie in heimlicher Verabredung, im Alltagsverkehr kein Mensch dem anderen gegenüber die kritischen Jahre erwähnt, denn weiß der Himmel, was sich da herausstellen würde – also wenn man das alles bedenkt, dann wird einem hundeelend. Aber, wie gesagt, keinen Augenblick darf man es vergessen: der heutige Zustand verhöhnt den blutigen Ernst der vergangenen zwölf Jahre, er macht ihn ungültig und degradiert ihn zu einem Schauspiel; und das Schauspiel ist eben abgesetzt, weil ein anderes nun auf dem Spielplan steht.“

Das Irrealisierte aber lebt untergründig fort und determiniert, was im Alltag der Bundesrepublik möglich und was unmöglich ist. Je weniger unsere Vergangenheit bewältigt wurde, desto mehr steht auch die Gegenwart unvermerkt in ihrem Bann. Das Verdrängte bestimmt das Verhalten des Traumatisierten; er wird zum ewigen Wiederholer, der nicht weiß, wie ihm geschient. Dafür haben die Nachbarn im westlichen wie im östlichen Ausland, von Deutschen gebrannte Kinder, einen guten Blick. In „typisch deutschen“ Vorgängen der deutschen Innen- und Außenpolitik vermeinen sie

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immer wieder aktualisierte Bilder aus der deutschen Vergangenheit zu erkennen. Der unverarbeitete Alptraum der zwölfjährigen Terrordiktatur beherrscht noch immer die Gemüter, nicht nur der Generation, die ihn miterlebt hat, sondern auch die ihrer Kinder und Kindeskinder, die die im tausendjährigen Reich erworbenen Denkformen und Reaktionsweisen mimetisch von den von der Diktatur Geprägten übernommen haben. Darum werden Befürworter gesellschaftlicher Alternativen bei uns so leicht zu „Nicht-Demokraten“, „Chaoten“, „5. Kolonne“, wenn nicht gleich zu „Terroristen“ gestempelt. Und darum werden die Hüter der Ordnung im Verlauf der unfreiwilligen Nachspiele der verleugneten Vergangenheit selbst leicht zu terroristischen Fahndern und Jägern.