Der Film „Unter dem Vulkan“ kommt jetzt bei uns in die Kinos – gleichzeitig erscheint eine deutsche Neuausgabe des legendären Romans

Von Karsten Witte

Malcolm Lowry war ein Abenteurer, Alkoholiker und Asket, der in die Welt ausschwärmte, um sein Feuerland zu entdecken. Sein jetzt von John Huston verfilmter Roman „Unter dem Vulkan“ ist die Topographie jener Entdeckung. Zehn Jahre hat Lowry an dem Buch gearbeitet, meistens auf Reisen zwischen Mexiko und Kanada, zwischen Guernavaca, der alten Hauptstadt des Aztekenreiches, und Dollarton, dem nördlichen Nest in Britisch-Kolumbien, wo er mit Marlene Bonner, der Ehefrau, die auch schrieb, seine eigenhändig erbaute Strandhütte bewohnte und sonst nichts besaß.

Der Sohn eines englischen Baumwollhändlers fuhr früh zur See, bevor er in Cambridge studierte. Das Jahr 1928 verbrachte er in Bonn auf einer Sprachschule; meistens zog es ihn jedoch ins Kino – „Murnaus Film ‚Sunrise‘ hat mich praktisch genauso stark beeinflußt wie sämtliche Bücher, die ich je gelesen habe“, wird er seinem ersten deutschen Übersetzer schreiben.

Lowry war ein umtriebig Reisender, einer der sich nicht satt sehen konnte an Farben und Bewegungen der Erdoberfläche. 1933 erscheint in London sein erster Roman, „Ultramarin“. Das Leben bleibt für Lowry eine Kreuzfahrt; die Haltestellen werden ihm zu Kreuzstationen auf dem Wege seiner Säuferpassion. Weihnachten in einem mexikanischen Gefängnis, Sommertage in Hollywood, Ausflüge in die Psychiatrie von New York und unstete Jahre im Landesinneren von Mexiko. Einzige Balancierstange wird sein Lebensbuch „Unter dem Vulkan“, das er immer wieder entwirft und verwirft, bis es 1948 endlich erscheint. Der Erfolg macht den Autor nicht seßhaft. Das Parkett Europas betritt er wie ein Pionier. Er wollte aus der Neuen Welt heimkehren.

Als er 1957 in England stirbt – an einer Überdosis Schlaftabletten (tatsächlich krepierte er an seiner Überdosis Wachheit) –, ist er 48 Jahre. Sein Gesicht fiel in eine zersplitterte Flasche Gin. „Auf einer Ebene des Buches“, schrieb er im Vorwort zur französischen Ausgabe von „Unter dem Vulkan“, „soll die Trunkenheit des Konsuls die allumfassende Trunkenheit der Welt symbolisieren, während des Krieges, während der Zeit, die ihm vorausging, zu allen Zeiten.“

So wie diese Trunkenheit stellvertretend steht für den politischen Rausch der Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg, so steht der Held Geoffrey Firmin als britischer Konsul in der mexikanischen Provinz als Stellvertreter einer fremden Macht auf fremdem Boden. 1938 hatte England, sagt der Roman, seine diplomatischen Beziehungen zu Mexiko wegen eines Ölskandals abgebrochen. 1938, sagt die Geschichte, schloß Englands Premierminister Neville Chamberlain mit Hitler das Münchner Abkommen, das einer Duldung des deutschen Expansionismus in Europa gleichkam.