Von Günter Gaus

Text kann eingeordnet, abgelegt werden unter Kulturpessimismus; noch dazu als einer von der Sorte, die sogar honoriert wird.

Wie ärgerlich, wie bedenklich, wie destruktiv im Vergleich zu dem Verlangen der herrschenden Kräfte in allen politischen Systemen, das jeweils Positive, Gute, Tröstliche, Aufbauende unter den Menschen propagiert zu sehen; heutzutage vor allem auch im Fernsehen gefördert zu sehen, dieser vollendeten Massenkommunikation zwischen Führern und Geführten. Und wie schmählich inkonsequent auch, sich für den Dolchstoß gegen den so notwendigen Optimismus noch bezahlen zu lassen.

Aber mein selbstkritisches Geständnis gleich zu Beginn, pessimistisch zu sein – auch im Blick auf Fernsehjournalismus und politische Kultur pessimistisch zu sein –, macht es wenigstens leichter, meine Einsichten, Gründe und Schlüsse als Übertreibungen anzusehen, wie sie sich aus negativen Erwartungen ganz natürlich ergeben. Man weiß doch: Sorgen und Ängste, wie Pessimisten sie hegen, tendieren zur Maßlosigkeit; Hoffnungen aber fördern die Bescheidenheit. Das macht ja den Optimismus als Mehrheits-Gesinnung so nützlich.

Bis der Optimismus, mit dem beispielsweise derzeit sogenannte neue Medien erwartet werden, die tatsächlich alt sind, nur mit neuen Transportmitteln und Eigentümern – bis also der Optimismus so total geworden ist, wie es nur menschenmöglich ist, bis dahin hilft es ihm, den skeptischen, trostlosen Abweichlern, den Dissidenten vorzuwerfen, nachzurufen: Sie übertreiben, sie übertreiben. Oder übertreibe ich am Ende doch nicht?

Ich zäume das Pferd vom Schwanz auf. Ich behaupe zunächst einmal: Das Fernsehen wird unser politisches System, das des pluralistischen Parlamentarismus, schon mittelfristig von Grund auf verändern. Die Veränderungen haben bereits seit langem begonnen. Sie wirken so mächtig, daß durchaus gestattet ist, nicht von graduellem Verändern, sondern von tiefem Umpflügen unseres politischen Systems, unserer politischen Kultur zu sprechen.

Anders gesagt: Das Fernsehen wird mehr und mehr obsiegen über die Voraussetzung unseres Systems – die rationale Mündigkeit des Publikums, das ja zugleich der Souverän, das Staatsvolk ist. Oder noch anders gesagt, um so einmal die Tiefe der Veränderung an zwei Vergleichen nachzumessen: Das Fernsehen wird allmählich, aber gar nicht so langsam, einen nicht geringeren Wandel unserer politischen Kultur bewirken, als es das Abschaffen des Drei-Klassen-Wahlrechts und die Einführung des Frauenstimmrechts getan haben. Oder auch gleich an dieser Stelle den Hauptsatz formuliert: Das Fernsehen, mit dem sich die Aufklärung zu vollenden scheint, mit dem sie in jede Stube kommt, trägt zum Ende der Aufklärung entscheidend bei.