Von Bernd Rudolph

In wachsendem Maße wird die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland Gegenstand historischer Forschung. Auf der Suche nach der eigenen Identität verlagert das Publikum zunehmend sein Interesse von abgeschlossenen nationalen Epochen in die noch fortdauernde Nachkriegsepoche, die uns schon im vierten Jahrzehnt ein demokratisch verfaßtes Gemeinwesen beschert, dessen Geschichte weniger spektakuläre Höhepunkte verzeichnet als die Weimarer Jahre oder das volle Dutzend des „tausendjährigen Reiches“ und vielleicht deshalb stabiler ist als die kurzatmigen Zwischenspiele. Kontinuitäten unserer nationalen Geschichte zeichnen sich heute schon ab, die bei der halbherzigen Gründung der beiden ungleichen deutschen Nachkriegsstaaten niemand so recht wollte.

Fast drängt sich das Bild von „siamesischen Zwillingen“ auf, wenn man sich zwei Datensammlungen zur Geschichte jener beiden Staaten einmal näher anschaut, die aus dem verbliebenen Torso des Reiches nach dem Kriege entstanden:

Bernhard M. Herbstrieth: „Daten zur Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“; Econ Taschenbuch Verlag, Düsseldorf 1984; 271 S., 12,80 DM.

Bernhard Pollmann: „Daten zur Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik“; Econ Taschenbuch Verlag, Düsseldorf 1984; 267 S., 12,80 DM.

So paradox das klingen mag, so ist es doch die in beiden Chroniken dokumentierte Geschichte der Teilung Deutschlands, die das Gemeinsame auf vielen Seiten entdecken läßt. Aktion und Reaktion liegen zeitlich immer dicht beieinander. Bei ihrer Gründung war das so und beim vergeblichen Aufbegehren am 17. Juni 1953 in Deutschland Ost, das in Deutschland West sogleich zum nationalen Gedenktag erhöht wurde. Aber auch beim Ultimatum Chruschtschows 1958 und drei Jahre danach beim Bau der Mauer in Berlin, als der Schnitt zur Trennung ein weiteres Mal vertieft wurde.

Chroniken dokumentieren freilich keine emotionalen Reaktionen. Entsprechend spröde fallen die Texte aus zu den „Stationen der innerdeutschen Beziehungen und Konflikte“, die einen Schwerpunkt in Pollmanns DDR-Datensammlung ausmachen. Beispielhaft hierfür mag die Wiedergabe der beiden innerdeutschen Gipfeltreffen von Erfurt und Kassel sein, die auch zeigt, wie sehr die beiden Autoren sich offenbar auch konzeptionell abgestimmt haben. Während Pollmann sich auf die Wiedergabe weiter Teile von Stophs Rede beschränkt, zitiert Herbstrieth aus dem Memorandum „Grundsätze und Vertragselemente für die Regelung gleichberechtigter Beziehungen zwischen der BRD und der DDR“, das Bundeskanzler Brandt seinem Gast aus der DDR überreichte. Daß Tausende Willy Brandt vor dem Erfurter Hof zujubelten, wird freilich ebensowenig dokumentiert wie der Zwischenfall von Kassel, als ein Neonazi die DDR-Flagge vom Mast holte. Das mißfällt. Mit der Reduzierung von Geschichte auf amtliche Verlautbarungen läßt sich Geschichte auch verzeichnen. „Quellentexte aus bedeutenden Gesetzeswerken, politische Stellungnahmen und Beschlüsse“ – so unerläßlich diese in einer Chronik auch sein mögen, so dokumentieren sie doch lediglich Fragmente aus der Geschichte von Völkern und Staaten, in der sich die Menschen oftmals gar nicht wiederentdecken.