Von Christian Schmidt-Häuer

Der Mann, der aus dem Dunkel kam, trug eine Milizuniform. Unter dem Vorwand, eine Alkoholkontrolle vorzunehmen, leitete er eine politische Nacht- und Nebel-Aktion ein, die Polen aus der tristen Ruhe in neue Verbitterung und Verzweiflung zu stürzen droht. Denn im Auto, das in der Nähe von Thorn, rund 80 Kilometer nordwestlich von Warschau, gestoppt wurde, saß Pfarrer Jerzy Popieluszko – Prediger der Solidarność-ldeale und seelsorgerischer Hauspatron der Hüttenarbeiter von Huta Warszawa.

Der 37jährige blut- und zuckerkranke Priester, der sich in den letzten Jahren zwischen Nationalismus und Nächstenliebe für Polens patriotische Pfarrgemeinden aufrieb, der den Regierenden lange als "Savnarola des Antikommunismus" galt und dem Episkopat als undiplomatischer Jünger eines geradezu nationalkirchlichen Frühchristentums, geriet am Freitag abend vergangener Woche bei der vorgeblichen Alkoholkontrolle in eine Falle. Er wurde von drei Unbekannten entführt. Sein schwergewichtiger Fahrer und Beschützer Waldemar Chrostowski, dem ein Rollkommando schon Anfang September die Wohnung verwüstet hatte und der diesmal von den Entführern gefesselt und mit dem Tod bedroht wurde, konnte sich zwar später befreien, seinen Schutzbefohlenen aber nicht beschirmen.

Für die Anhänger des populären Priesters, und nicht nur für sie, steht fest, wer die Entführer sind: "Eine Terrorschwadron nach argentinischem Vorbild." Genauer: Sie verdächtigen die Organisation Anti-Solidarność (OAS), eine obskure Gruppierung neostalinistischer und antisemitischer Extremisten aus der Randzone des Geheimdienstes und der Partei, die sich zumindest auf die stillschweigende Billigung des radikal-dogmatischen "Beton-Flügels" der Parteiführung um das Politbüromitglied Albin Siwak und seinen (1981 von Parteichef Kania geschaßten) Gesinnungsfreund Tadeusz Grabski stützen kann.

Warschau ist aufgescheucht. General Jaruzelskis Regierung, die mit Sicherheit nicht hinter der Aktion steht, ist in eine hochnotpeinliche Lage geraten. Denn einerseits hat sie über ein Jahr lang den kirchlichen Volkstribunen mit groß angelegten Kampagnen und konstruierten Beschuldigungen zum Schweigen zu bringen versucht. Gerade Pressesprecher Urban, der die Entführung jetzt zu Recht als eine Provokation gegen die Regierung hinstellt, hat unter dem Pseudonym Jan Rem gegen die Gottesdienste Popieluszkos als eine "Show des Hasses" gewettert. Die Regierung war sogar so weit gegangen, den Priester wegen Mißbrauch seines Amtes und der Lagerung staatsgefährdender Flugblätter in seiner Wohnung vor ein Warschauer Gericht zu bringen. Doch andererseits hatte sie sein Verfahren dann auch wieder in die spektakuläre und politisch gewagte Amnestie für die KOR-Führer und Solidarność-Mitglieder einbezogen.

Gerade diese Wende zu einem gemäßigten Kurs, die besonders der kluge Innenminister General Czeslaw Kiszszak geschickt absicherte, hatte der Regierung in letzter Zeit eine (wenn auch resignierende) Entspannung im Innern eingebracht. Statt Bezichtigung schien Besinnung zur ersten Bürgerpflicht geworden zu sein, von Jacek Kurön bis Adam Michnik, von Lech Walesa bis zu Popieluszko selbst.

Diese Entwicklung wieder aufs Spiel zu setzen, lag nicht entfernt im Interesse der Regierung. Jaruzelskis vage Hoffnung auf eine allmähliche Rückgewinnung der Reputation im eigenen Lande und in der Welt sollte gerade in dieser Woche bekräftigt werden durch die Visite des griechischen Premiers Andreas Papandreou – er ist der erste Regierungschef eines Nato-Landes, der Polen seit Verhängung des Kriegsrechts im Dezember 1981 besucht.